TIPP:
Tagebuch ausdrucken und in der Straßenbahn lesen!
Manch älterer Eintag
wird beizeiten gelöscht - mancher bleibt für immer.
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E D E N M O N A T N E U !
J
E D E N M O N A T N E U !
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Trugbilder (Februar
2012)
Oft, sehr oft im
Leben kommt der Moment, an dem wir unsere festen Vorstellungen
von was auch immer mit der Realität abgleichen müssen - das
Ergebnis dieses Abgleichs kann hart ausfallen. Eine Freundin von
mir hat mal auf der Berlinale den leibhaftigen George Clooney
getroffen, um mir anschließend unter Tränen zu erzählen, dass
der Mann "in echt" kleiner sei, als im Kino. Die Frau
war am Boden zerstört und fühlte sich betrogen. "Verklag'
ihn doch", sage ich zu ihr, "du bist rechtschutzversichert!"
Was wir uns unter einem Ereignis, einem Land, einem Menschen
vorstellen, resultiert meist aus Erzählungen, Fernsehberichten
oder Gala-Artikeln, die nach und nach übersteigerte Erwartungen
heraufbeschwören und am Ende zwangsläufig in einem Meer voller
Enttäuschung untergehen. Ich war letzten Monat in Melbourne und
habe mir die Australian Open angesehen. Klar, gute
Tennis-Atmosphäre war da, gute Spiele sowieso, doch im Grunde
ist das Gelände dort nichts weiter als eine Siedlung mit
großen Stadien, lieblos formierten Außenplätzen,
überteuerten Verkaufsständen und (natürlich) jeder Menge
Fressbuden. Nationale oder gar regionale Besonderheiten?
Fehlanzeige, derlei Bauten unterliegen in Optik und Philosophie
längst einer Weltnorm: wer von Außerirdischen entführt und
dort ausgesetzt wird (...kann ja sein... ) hat - die Werbebanner
mal weggedacht - keine Chance zu erkennen, wo das Ufo gerade gelandet
ist. Was mir Satelliten-Übertragungen im Nachtprogramm
von Eurosport seit Jahren als Eindruck liefern, habe ich im
Melbourne-Park kaum wiederentdeckt. Schade, denn Australien ist
prallvoll mit unverwechselbaren Highlights, die durchaus auf dem
asphaltierten, grauen Tennis-Gelände mit kleinen Zitaten
hätten bedacht werden dürfen. Was soll's, unser Leben ist
voller Trugbilder, und vielleicht ist es manchmal besser, eine
Phantasie eine Phantasie bleiben zu lassen. Falls also George
Clooney anruft und euch zum Tennis einlädt, denkt erst mal in
Ruhe drüber nach ...
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Der Tod
und das Leben (Januar
2012)
Es muss in den
frühen 80ern gewesen sein: Im Erdkundeunterricht gönnte uns
der gestrenge Herr Emming aus Moers zum Jahresabschluss eine
Runde Trivial Pursuit. Eine der Fragen: "Welcher ehemalige Operettenstar
wird häufig als 'Jopie' bezeichnet?" - "Jopie?! Wer
soll das sein?", dachten alle. Ich wagte einen Tipp:
"Johannes!" Emming konterte: "Na, und wofür
steht der Rest?" Stille. "Kinder, die Lösung lautet
Johannes Heesters!" Den kannte von uns natürlich keiner.
Schon damals also, vor knapp 30 Jahren war Jopie Heesters ein
Star aus der Vergangenheit. Wenn nun also davon gesprochen wird,
dass ein ganz Großer des Showgeschäfts von uns gegangen sei,
so stimmt das zwar - doch sein "Gehen" war in Wahrheit
ein "Schleichen", und das war zum Zeitpunkt seines
Todes längst beendet. Der Johannes Heester der Gegenwart war einzig
und allein bekannt, weil er alt war - der Frauenschwarm von
einst war schon zu meiner Schulzeit auf dem Friedhof der Helden
begraben worden. Heißt also: ab einem bestimmten Zeitpunkt bist
du einfach tot - auch dann, wenn du noch unendlich lange
weiterlebst. Irgendwie tröstlich! ;-)
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Wann
wirst du endlich erwachsen? (Dezember
2011)
Vor allem meine
Mutter stellt mir gerne und regelmäßig diese Frage - nicht
erst seit gestern, sondern seit ich auf die höhere Schule
gewechselt bin. Gefühlte 100 Jahre hatte ich stets die passende
(und mich in lange Sicherheit wiegende) Antwort parat:
"Wenn André Agassi aufhört, Tennis zu spielen, dann werde
ich erwachsen!" Den Tag seines Rücktritts nahm ich
gelassen, hatte ich doch längst meine Antwort geändert in
eine, die bis in alle Ewigkeit halten sollte: "Wenn Thomas
Gottschalk mit 'Wetten dass...' aufhört, dann werde ich
erwachsen!" Im Januar dieses Jahres begann seine
Abschiedstournee, und ich wusste: bald habe ich ein Problem ...
Ich
wurde hektisch und flüchtete in eine letzte, mindestens 10
Jahre weiteren Aufschub verheißende neue Antwort: "Wenn
Matula im ZDF aufhört zu ermitteln, dann werde ich
erwachsen." Vor ein paar Wochen schickte mir mein
Busen-Freund Benni mit gehässiger Kommentarlosigkeit folgenden
Link: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,795077,00.html
Ok, liebes Schicksal, ich habe die Zeichen verstanden. Es wird
eng. Bald ist die Jugend vorbei. Schön war sie. Allerdings erst
ab Mitte 30. ;-)
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Stand
Up New York (November
2011)
Wenn ich erzähle,
dass ich manchmal in amerikanischen Comedy-Clubs auftrete,
schwappt mir meist eine Woge der Ehrfurcht entgegen. "Wow!
Echt?!" Ich versuche dann zu beschwichtigen: "Is' echt
nix Dolles, mein Englisch ist nicht perfekt, und ich plane auch
keine Karriere in den USA." Egal, die meisten finden's
trotzdem toll. Letztes Jahr hat ein großes Monatsmagazin des
Ruhrgebiets ausführlich über meine sporadischen Aktivitäten
in San Francisco berichtet - ohne dass ich darauf aufmerksam
gemacht hatte! Schon komisch: da tanzt man als Sieger auf
Preisverleihungen, springt im Fernsehen rum, doch die ersehnte
Anerkennung gibt es für ein paar holprige Gehversuche in der
neuen Welt. Liebe Lesenden, ich werde nun berichten, wie es
WIRKLICH bei amerikanischen Mini-Shows abgeht ...
Mein
Tourplan führte mich Mitte Oktober nach New York, auch dank
"meiner" AIDA aura, deren Fahrt in die Karibik ich als
Gastkünstler begleiten durfte. Bevor ich an Bord gewohnt
großspurig das Theater zu meinem Wohnzimmer erklärte (ich
grüße an dieser Stelle ALLE Mitfahrenden!), spielte ich im
großen Apfel ein paar kleine sog. Open Mic Shows, in denen
jeder auf die Bühne darf, der sich schnell genug in eine Liste
einzutragen vermag. Der Name des Theaters klang
verheißungsvoll: Stand Up New York, Uptown Manhatten. Ein
krasserer Gegensatz zu dem, was dort letztlich abging, ließe
sich kaum erfinden. Ich selbst hatte keinen schlechten Auftritt,
ein paar Pointen kamen gut, der Endapplaus stimmte, ich hatte
mein Gesicht gewahrt - vor 21 Zuschauern, die ALLESAMT auch
selbst einen Auftritt dort absolvieren sollten. (Ein
glücklicher Zufall hatte mich auf Startplatz 2 hochschnellen
lassen.) Im Verlauf das Abends offenbarte sich dann der
generelle Unterschied zwischen hier und "drüben": Bei
uns in Deutschland haben auch die blutigsten Anfänger und
schlechtesten Zotenreißer zumindest irgendwas zu bieten, ein
paar geklaute Witze, ein Kostüm, eine Haltung, wenigstens ein
Konzept, und wenn sie nichts davon haben, ist das bewusstes Stilmittel
- im Mutterland der Comedy aber ist die Gauklerei der
Grünschnäbel oft ein Trauerspiel, ein Flanieren im Fiasko. Na
klar, die Großen des US-Geschäfts sind RICHTIG groß, doch in
den kleinen Clubs sehen einige das Motto "Jeder darf"
offenbar als Aufforderung. Folge: Auf den Brettern, die 5 Dollar
Startgeld kosten, tummeln sich zwar genau wie bei uns viele
talentierte, nette Leute, doch nicht selten auch ausrangierte Huren,
Obdachlose, Kriegsveteranen oder irgendwelche Säufer, die
mit einem Zettel bewaffnet völlig zusammenhanglos grottigste
One-Liner darbieten. Auftrittszeit: drei Minuten, wobei allein
die Pausen, die gemacht werden, zusammen häufig 2 1/2 Minuten
ergeben. Das ist krass formuliert, ich weiß, doch meine
Stand-Up-New-York-Erfahrung war wirklich übel, da mag manche
Begegnung noch so nett gewesen sein. Kurz vor Schluss stieg ein
Riese aus Harlem in die Bütt. Natürlich hatte der mitbekommen,
dass ich aus Deutschland bin, was für ihn willkommener Anlass
war, mich in seiner Darbietung vor verbliebenen 6 Leuten mal
eben für alle Kriegsverbrechen der Weltgeschichte verantwortlich zu machen. "You look like
..." - damit begann der krönende Abschluss seiner Hasstirade,
in der er eine wahllose Aufzählung deutscher Filmschurken
präsentierte. "Du hast Inglourious Basterds
vergessen!", erwiderte ich. Das brachte ihn erst richtig
auf die Palme, und so erteilte er mir beim Vorbeigehen noch einen
Schnell-Kurs im Hitler-Grüßen. Dennoch: es war und ist irgendwie
stets eine Bereicherung, sogar hier, und einer meiner Mitstreiter
war auch richtig gut: Sal aus Jersey. Gelungenes Timing, clevere
Gags, starke Körpersprache. Ich hoffe sehr, ihn irgendwann mal
wiederzusehen. Den Typen aus Harlem besser nicht.
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Essen * 15
Jahre GOP * Ludger moderiert(e)
(Oktober
2011)
Dieter Thomas
Heck: "Junge, du bist richtig gut!" Ludger: "Danke. Können Sie mir einen Auftritt bei Carmen Nebel besorgen?" Heck: "Wo?!" Ludger: "Na so irgendwo im Samstag-Abendprogramm halt. Von mir aus auch bei Hansi Hinterseher oder Björn Borg.
Äh, ANDY natürlich. Heck (dreht ab, kehrt aber sofort zurück): "Hab' ich deine Handynummer?" Ludger: "Klar, Sie haben mich gestern angerufen." Heck: "Du bist richtig, richtig gut ..."
Fortsetzung folgt. Vielleicht.
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"Sie
war 16 und ich 39, ... (September
2011)
..., und von Liebe, wusste ich nicht viel - denn ich bin ja bei der CDU."
Sie hörten: "Und es war Sommer" in der Version von Christian von Boetticher.
Manno, diese Affäre des Beinahe-Ministerpräsidenten aus dem Norden mit einer minderjährigen Facebook-Flamme hat es mir echt angetan. Ne, nicht wegen erotischer Details, es geht mir um's Drumherum, denn:
Entweder etwas ist erlaubt, oder es ist eben NICHT erlaubt - beides geht nicht, oder? Das Gesetz sagt (sinngemäß): Die Liebschaft mit einer 16-Jährigen
is' in Ordnung (von ein paar Ausnahmen mal abgesehen), also muss das doch auch für
jeden Herrn von Bödefeld gelten. Richtig?! Eben nicht, denn Christian von Bötticher vertritt die letzte noch verbliebene "echte"
Minderheit in Deutschland, die einzige Randgruppe, die im Anti-Diskriminierungsgesetz unerwähnt bleibt und deshalb keine Rechte hat: die Gruppe der alleinstehenden deutschen Männer um die 40.
Mal ernsthaft: Wäre Bötticher schwul und hätte einen minderjährigen Lover in der BILD-Zeitung vorgestellt, kein Problem, wir sind doch nicht schwulenfeindlich! Ole von Beust lässt grüßen. Eine 16-jährige Import-Braut ist
ebenfalls ok, sofern der Besteller einem fremden Kulturkreis angehört. Bötticher ist Christ - Pech gehabt! Sicher hätte auch ein körperliches Gebrechen für Milde sorgen können, doch davon ist der 2-Meter-Hühne Bötticher ebenfalls meilenweit entfernt. Gesund, deutsch, katholisch, männlich,
um die 40 - wer das auf sich vereint, hat es schwer in Deutschland. Ich weiß, wovon ich rede ... ;-)
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Treue
& der beste Act (August
2011)
Treue ist im heutigen TV-Geschäft eher eine Seltenheit. Damit ist nicht die Treue zum Lebenspartner gemeint, die schert da sowieso keinen, ich meine Treue für einen Sender oder noch seltener: Treue zu einem Format. Thommy Gottschalk und
"Wetten dass" gilt als Paradebeispiel einer letzten Langzeit-Liaison in der deutschen Schau-Branche, sein angedrohter Rücktritt bewegte die Nation so sehr, dass nur noch eine Halbmast-Beflaggung am Reichstag gefehlt hätte. Dabei war seine Sendung ursprünglich die Sendung eines anderen, und die viel zitierten 24 Jahre markieren mitnichten eine Ära am Stück, da zwischenzeitlich ein Mann namens "Erna kommt" statt seiner in die Messehallen-Bütts gestiegen war. Einem anderen bleibt das aktuelle Kunststück vorbehalten, schlappe 18 Jahre ohne Unterbrechung eine Sendung moderiert zu haben, es gab NUR IHN, und mit seinem Abschied wird das Ding gleich komplett eingestellt. Wehmut?
Respekt? Dankbarkeit? Gar Post von Wagner? Nein! Gut, dann muss ICH halt ran ...
Lieber Kai Pflaume, die knapp zwei Jahrzehnte mit dir und "Nur die Liebe zählt" waren unaufdringlich schön! Du hast uns nicht mit
Homestorys, Klatsch & Tratsch aus deinem Privatleben und gespielten Tränen bei Preisverleihungen genervt. Vielleicht liegt letzteres auch daran, dass du nie einen "echten" Preis für deine Sendung erhalten hast. Zu Unrecht! Da ich Komiker bin, glauben hier bestimmt manche an Ironie, doch ich meine das alles völlig ernst: Pflaume hat einem Format sein Gesicht gegeben, er war stets einer, der der sich statt Mätzchen zu machen in den Dienst der Sache stellte - auch wenn die Sache angesichts grottig singender Hausfrauen oder Heiratsanträgen mit Gedichten in pfälzischem Dialekt oft sehr, sehr peinlich war. Nun lief die letzte Folge von
NudLz - und keinen hat's interessiert. Mich auch nicht, und dennoch überkam mich angesichts komplett fehlender Kommentare dazu in der deutschen Zeitungslandschaft viel Melancholie, denn wieder mal zeigt sich, dass die, die viel leisten und die, die gefeiert werden, nur eine kleine Schnittmenge haben. Hey Pflaume, ich verleihe dir einen Titel, den ich für mich selbst als Varieté-Moderator auch manchmal augenzwinkernd einfordere: Best Act in a Supporting
Role.
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Die Missgunst der Stunde
(Juli
2011)
Beim Frauenfußball hat sich etwas vollzogen, das wir aus anderen Bereichen der Gesellschaft kennen: ein Radikalwandel. Beispiel: Jahrtausende war es üblich, dass Väter der Geburt ihres Kindes fernbleiben, und kein Baby hat es gestört - die Frauen erst recht nicht. Von heut' auf morgen änderte sich das:
"Wie kannst du das verantworten? Das wird bleibende Schäden
verursachen!", müssen sich plötzlich all jene anhören, die beim fröhlichen Pressgesang im Kreißsaal lieber zu Hause bleiben. Unser Leben ist voll von krassen Wendemanövern, die sich keinen Übergangsaugenblick gönnen. Der Frauenfußball
ist ein Paradebeispiel.
Bis kurz vor dieser WM hat sich im Grunde kein Schwein dafür interessiert. Länderspiele vor mehr als 8.000 Zuschauern? Selten. Bundesligaspiele vor mehr als
200 Zuschauern? Auch keine Selbstverständlichkeit. Ganz offen durfte man dies darauf zurückführen, dass Fußball der Männer einfach besser ist. Schneller, athletischer, spannender. Vorbei das ganze! Wer so was im Rahmen der Frauen-WM (so der lustige offizielle Titel) noch anführt, muss umgehend mit einem erbosten "Ja, aber" rechnen. Erwidert man dann noch etwas, egal was, so ist der Stempel drauf: Frauenfeind! Ja seid ihr denn alle wahnsinnig?!
Die Frauen sind besser als die Männer, weil sie häufiger die großen Turniere gewinnen - das ist so absurd, als würde man den Olympiasiegen der Springreiter die dürftige Medaillenausbeute der Leichtathleten entgegenhalten. Fußball ist nicht gleich Fußball, Frauen sind nicht gleich Männer. Wenn unsere Fußball-Männer die Qualifikation zu einer WM schaffen, so ist das sportlich höher zu bewerten, als die Halbfinalteilnahme der Frauen - allein wegen der Leistungsdichte. Klar, die Frauen holen auf, alles wunderbar, und ich schaue mir die Spiele unserer Sommermädchen auch gerne an - aber wenn die WM vorbei ist, dann möchte ich wieder kämpfende Kerle sehen! Da mir die Menschheit aber offenbar nicht erlaubt, das mit meiner Sehnsucht nach mehr Qualität zu begründen und mir postwendend die von Udo Lattek patentierte Neid-und-Missgunst-Debatte aufzwingt, musste ich nach anderen Rechtfertigungen suchen. Ich fand sie: Ich vermisse die Blutgrätschen, will die gegnerischen Fans mit Schmähgesängen beleidigen und Männerrotze beim Wettschnäuzen auf den Rasen fallen sehen.
Jawoll, mir fehlt beim Frauenfußball der Ekelfaktor! Das könnte auch euch retten, wenn ihr euch beim Public Viewing von Australien gegen Äquatorial-Guinea für einen gelangweilten Blick zur Seite rechtfertigen müsst.
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Wir
alle werden sterben! (Juni
2011)
"Iss das
bloß nicht, da stirbt man von!" Wie bitte? Die Warnung
meiner Mutter klang, als hätte ich eine Packung
Zyankali-Kapseln auf dem Teller liegen. Offenbar war das, was
ich gerade zu verzehren gedachte, mindestens ebenso gefahrvoll,
wenn nicht sogar NOCH gefährlicher, es war: SALAT! "Liest
du keine Zeitung, Junge? Kuckste keine Nachrichten?"
Manchmal glaube ich, genau das sollte man wirklich lieber
lassen. "Mama, das ist doch nur ein gemischter Salat vom
Pizza-Mann." Schon begann Mutter ihren Panik-Vortrag
aus Tom-Buhrow-Infos und Peter-Klöppel-Versatzstücken,
garniert mit Ranga-Yogehswar-Halbwissen. Fazit: Todesgefahr
durch Insalata Mista - Wir alle werden sterben!
Bin
ich naiv? Oder ist die Welt verrückt geworden? Da wirft die
Nachrichtenbranche mit "EHEC" ein bis dahin völlig
unbekanntes Buchstabenkürzel auf deutsche Fliesentische, und
schon wird der Wochenmarkt nur noch im Schutzanzug betreten, aus
Furcht vor spanischen Killertomaten. Au backe! "Angst essen
Seele auf" - so ein Filmtitel aus den 70ern. Das Problem:
Angst verkaufe super Zeitungen, Angst mache super Quote - und
deshalb wird Angst geschürt, wo es nur geht. Ich glaube, wer
keine Nachrichten schaut oder hört oder liest, weiß nicht
unbedingt weniger als andere, er oder sie hat bloß weniger
Angst. Also: Einfach mal abschalten.
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Heute
wie damals (Mai
2011)
Als sich Charles und Diana 1981 das Ja-Wort gaben, war ich ein quäkiger Drei-Käse-Hoch im Sommerurlaub auf Sylt. Mit Familie natürlich. An der Strandpromenade
zu Westerland lugte ich auf einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in irgendeinem Schaufenster. Ich sah die Braut, die Ohren, schleckte ein Eis, ein paar Passanten weinten. Jetzt, 30 Jahre später, haben William und Kate am selben Ort
geheiratet wie Lady Di und der ewige Prinz, haben die Welt mit ihrem Kuss bewegt und mich zum Nachdenken gebracht. Denn trotz all der Jahrzehnte, all der Entwicklungen, all der weltlichen und persönlichen Veränderungen, die zwischen heute und damals liegen,
haben die zwei Hochzeiten doch etwas Wichtiges gemeinsam: Sie haben mich
beide einen Scheiß interessiert! Auf Sylt als Kind, heute als Mann. Dank des royalen
Ringwechsels durfte ich dem kleinen Jungen in mir ganz, ganz nah sein.
Danke, Kate! :-)
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Let's
make history together (April
2011)
Apple wirft das iPad2 auf den Markt, und in deutschen Shopping-Malls sieht's aus wie im Osten vor 22 Jahren: Menschenmassen drängeln, kreischen, jubeln - nur die Frisuren sind heute irgendwie besser.
Hätt'
bloß noch Hans-Dieter-Genscher auf dem Balkon des CentrO.
gefehlt: "Wir sind hier zusammengetroffen, um Ihnen
mitzuteilen, dass Ihr iPad ..." Ne, geht natürlich nicht, das
CentrO. hat ja gar keinen Balkon ...
Ganz schön clever, dieser Steve Jobs: Da liegen die Konkurrenzprodukte knackig
und erklecklich auf den Marktplätzen, doch die Leute gieren nach dem angebissenen Apfel. Das sollte jedem Obst- und Gemüsehändler strategisch zu
denken geben - ein bisschen Sektengehabe hier, eine bewusst limitierte
Auflage
da, und schwupps: Alle stehen Schlange! "Let's make history
together", pflegt Steve Jobs bei der
Vorstellung seiner Produkte zu sagen; man stelle sich vor, das hätte der
Erfinder der Wäscheklammer vor 150 Jahren auch gemacht. Noch vor kurzem habe ich Apple wegen
dieser blöden Anbeterei beinahe gehasst, doch wenn man die ganzen iPs
ein mal lieb gewonnen hat, gibt es kein
Zurück. Grund: die Bedienung macht einfach Spaß, sogar beim schnöden
Textverarbeitungsprogramm Pages! So ein Gefühl hatte ich bei
Word noch nie.
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Exil
der Reuigen (März
2011)
Für manche war er ein Scheinriese, ein Mensch mit lAura zwar, am Ende aber
nur ein Schatten seiner selbst; lang wurde auf einen wie ihn gewartet, doch
gelohnt, gelohnt hat es sich nicht. Der Zauber ist verflogen, die
Faszination vorbei, was bleibt ist jämmerlich.
Es ist März 2011 - über wen rede ich hier? Guttenberg? Kann sein. Doch wenn
zur Aufführung oben beschriebener Tragik ein authentischer Hauptdarsteller
gesucht werden würde, die Besetzungscouch müsste sicher nicht
lange leer bleiben. "Gesucht: Ein Mensch,
der einen Riesenfehler gemacht hat, in eine Traumwelt geflohen ist und im
Morgengrauen der Katastrophe nicht mal die Größe hatte, zu allem in aller
Form zu stehen." Sollte ich irgendwann mal solch eine Stellenanzeige lesen,
so bin ich der Erste, der "Hier" schreit! Guttenberg ist weg, ich habe
schon zu Beginn dieser Affäre gesagt, dass er weg muss - und doch kann ich ihn in seiner zuletzt
gezeigten Jämmerlichkeit verstehen. Sein entscheidender Satz war einer, der von den
beherrschenden Medien kaum zur Kenntnis genommen wurde: "Ich habe
in einer Drucksituation den Überblick verloren." Zitat Ende, Erklärung erfolgt, hier steckt alles drin. Er würde das Getane
bestimmt gerne ungeschehen machen, er hofft sicher auf Vergebung
und vielleicht auch auf Rückkehr. Ich kenne das. Willkommen
im Exil der Reuigen.
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Natürlich (Februar
2011)
"Geheimzahl eingeben und
bestätigen!" Die Kassiererin war flott, die Schlange hinter mir lang und meine Zuversicht groß, gleich endlich
heimwärts fahren zu können. Doch was ist das? Zahlung nicht möglich?
Hä?! "Mit ihrer Karte stimmt was nicht, versuchen Sie's noch mal." Tat ich, brachte nichts. Ich versicherte der Frau im Edeka-Mantel und den Wartenden hinter mir, dass ein technischer Fehler die Ursache sein
müsse und auf keinen Fall ein leeres Bankkonto. Schon gar nicht jetzt, dachte ich, wo es beruflich doch so gut
läuft. "Natürlich", sagte die Kassenfrau. Ihr
"natürlich" klang aber nicht nach "selbstverständlich, Sie sind doch ein Edelmann", es wirkte eher wie
"erzähl das deiner Omma, du Schmarotzer, Leute wie dich mögen wir hier gar nicht, und Privatinsolvenz ist Gift
für die Gesellschaft, und außerdem hat Sarrazin völlig recht, du Taugenichts!" Ihre Augen hatten sie verraten. Schon drollig: ein unschuldiges, kleines Wort wird nur durch böse Betonung und blasierten Blick zu einem Trog voller Abschätzigkeit. Ich versuchte es ein letztes mal - die Schlange wurde immer
länger und hatte längst tribunalhaften Antlitz bekommen. Am Ende musste ich meinen Ausweis da lassen, Geld am Automaten ziehen und bar bezahlen. Was
für eine Demütigung! In solchen Momenten ist es beruhigend, nur ein C-Prominenter zu sein.
Zwei Tage später, Esso-Tankstelle, genau das gleiche Spielchen. "Das ist mir neulich auch passiert", berichtete ich aufgeregt, "aber mit meinem Konto ist wirklich alles
ok, hab' ich sofort
geprüft!" - "Natürlich", entgegnete die Esso-Frau. Ihr Grinsen sagte alles.
Plötzlich kommt ein junger Kollege dazu. "Moment mal, ich kenn da einen Trick." Er
überklebt den Chip auf der Karte mit Tesa-Film, zieht das Ding erneut durch den Leser und
schwupps: alles läuft wie geschmiert! "Hat mir mein Cousin verraten, so holt sich das
Gerät die Info direkt vom Magnetstreifen.“ Wow! Ich freute mich, er
rühmte sich und die Frau ... schämte sich.
Weitere zwei Tage später, wieder eine Supermarkt-Kasse. Vor mir ein Victoria-Beckham-Double mit Stiefeln, Hund und EC-Karte. "Junge Frau, da stimmt was nicht, versuchen Sie's noch mal!" Tat sie, brachte nichts. Sie: "Das kann nicht sein, bei mir ist alles ok." Ich: „Hey Ladys, vielleicht kann ich helfen." Stolzgeschwellt
schwärme ich vom Tesa-Film-Trick, lasse die Frau der Kasse selbigen holen und den Chip
überkleben. "Ne ächt? Super!" Hund und Frauchen habe ich eindeutig als neue Fans gewonnen. Die frisch beklebte Karte gleitet durch den Leser, alle lachen und schwupps ... "Zahlung nicht
möglich." Sie (verschämt): "Das muss trotzdem ein technischer Fehler sein." Ich:
"Natürlich."
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Ich
verneige mich (Januar
2011)
Die schönste Schlagzeile
des Winters: "Biathlon abgesagt wegen Schnee". (Das war geplant
auf Schalke.) Man muss diesen Satz erst mal wirken lassen, um seine tragische Tragweite genießen zu können. Demnächst werden wahrscheinlich Tauchwettbewerbe ausfallen wegen Wasser oder Segeltörns wegen Wind - herrlich!
Und noch etwas Drolliges hatte unser durchweg weißer Dezember in petto: die Renaissance eines fast vergessenen Medienträgers ...
Auch wenn unsere TV-Nachrichtensender gewohnt breit und reflexhaft hysterisch
auf den Schnee reagierten, ihre Brennpunkte zündeten sie nur im Abendprogramm - tagsüber liefen Tierdokus und Wiederholungen von
Galileo. Was also tun, wenn Informationsgier aus Angst vor Lebensmittelknappheit, Stromausfall und verschneiten Schornsteinen bereits am
Mittag um sich greift? Meine Mutter hatte bei meinem Weihnachtbesuch
in Bochum die Lösung: "Lass uns Radio hören!" Radio? Das hast
du doch nur noch fest unter die Abzugshaube geschraubt in der
Küche. Oder im Auto. Oder ich als WiFi-app, aber das bringt bei
deinem Analoganschluss ja auch nix. Wie hol ich ich uns Radio
ins Wohnzimmer?! "Geh in Keller, da is noch von Opa!" Und wirklich: neben Aldi-Einwegflaschen und kackbraunen Mephisto-Wanderschuhen stand er da, der alte Volksempfänger mit
Drehknauf, der den hinter echtem Glas sitzenden schwarzen
Metallstift so weit nach links führen konnte, dass der örtliche Polizeifunk und an wolkenfreien Tagen auch Funkverkehr aus dem Weltall mühelos zu empfangen waren. Jahrelang standest du im Keller, mein Freund, heute der Tag deiner Wiederkehr. Radio, ich verneige mich vor dir! Im kalten Krieg hing die ganze Familie vor deiner wuchtenden Stoffmembran, um von monotonen Männerstimmen die
Atombombennews des bösen Breschnew erzählt zu bekommen - jetzt haben wir den kalten Winter, und
schwups bist du wieder da. Diesmal erklingt die Stimme einer jungen Frau, im
Hintergrund läuft Musik, doch was zählt ist nur die Botschaft, und die ist heute wie damals: "Nix
Genaues weiß man nicht, kann so oder so kommen, zieht euch warm an." Egal, es war ein schöner analoger Moment mit meiner Mama: Radio rauf, Ohren gespitzt, Radio wieder runter. Wer erst schleppen muss, um Infos zu bekommen, der weiß den Wert einer Nachricht ganz anders zu würdigen.
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Ab hier
ausgewählte Einträge aus der Vergangenheit: Hurra,
die Brüllaffen sind da! (Dezember
2010)
Die
Filmdiven der 20er hatten einen Vorteil: das Stummfilmhegemon
verhinderte, dass ihre Karriere vom exzessiven Einsatz der
Stimme abhing. Schweigen statt Schreien – dieses von
schlichter Arbeitsökonomie geförderte Motto sorgte dafür,
dass es vor allem ausdrucksstarke, kühle, feine Ladys zu Ruhm
brachten, Frauen, von denen die Zuschauerschaft nicht EINEN
grellen Laut zu hören bekam. Sogar Komödiantinnen schwiegen,
und trotz Tonfilm blieb das auch erst mal so. Bis irgendwann der
Wandel kam – leider ...
Heute
prägen weibliche Schreihälse das mediale
Unterhaltungsgeschehen. Bei Klimbim mochte das ob der
Andersartigkeit der Protagonistinnen noch belebend gewesen sein
(„Trallahi trallaha trallahopsassa“), doch inzwischen hat
die Ausnahme zur Machtübernahme angesetzt, von „Wetten
dass..?“ bis „Verstehen Sie Spaß?“ gilt: Hurra, die Brüllaffen
sind da! Es wird geplärrt, gekeift, gepöbelt, geschrillt.
„Ui, ist die sympathisch!“, scheint das Fernsehvolk einträchtig
in sich hinein zu lächeln, wenn irgendeine Madame Tamtam herum
palavert. Lauter Laute lauern – überall! Bin ich denn der
einzige Freund einer gewissen Lakonie? Und hat die Geschichte
nicht gezeigt, wohin uns ein belächelter Schreihals führen
kann?
Neulich
kam mir auf der Kettwiger Straße in Essen ein Gehörloser
entgegen, der Geld haben wollte. „Privilegierten gebe ich kein
Geld“, sagte ich und schlenderte an einer Kik-Filiale mit
Verona-Plakat vorbei zum GOP-Theater ...
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Walkman (November
2010)
Sony stellt den WALKMAN ein! Diese Nachricht schmetterte vor
Wochen wie eine schrille Rückkopplung in mein ewigliches
Kindergemüt. Für Leute wie mich, die zu Beginn der 70er das
Röhrenlicht eines deutschen Kreißsaales erblickten, markierte
der WALKMAN den eigentlichen Beginn des Lebens. Und nun soll er
einfach nicht mehr hergestellt werden? Wie furchtbar! Nach
kurzer Schockstarre jedoch umgarnte mich Milde, denn: Habe ich
noch so ein Teil? Nein! Würde ich mir einen kaufen? Nein! Ist
der WALKMAN zeitgemäß? Nein! Irgendwie ist dieses Gefühl der
unangebrachten Trauer ähnlich, wie bei der Schließung eines
örtlichen Hallenbades: die ganze Stadt tobt, Unterschriften
werden gesammelt, doch wenn man sich dann mal fragt, wann man
selbst sich zum letzten Mal im Planschbecken der Heimatgemeinde
eingefunden hat, kommt die Ernüchterung. Egal, Trauer muss
sein. Doch diese kleine WALKMAN-Story hat tatsächlich ein
AutoReverse eingebaut, auf Deutsch: eine überraschende Wendung.
Zwar meldet Sony den definitiven Produktionsstopp für Japan,
aber (Zitat aus dem Handlesblatt) "für 2011 sehen wir hierzulande noch ausreichend Marktpotenzial und werden dieses auch bedienen.“
Ein Produkt von vorgestern hat bei uns also noch genügend
Verkaufschancen - spricht das jetzt FÜR oder GEGEN unser Land?
Fest steht: ich denke gerade ernsthaft darüber nach, mir doch
noch einen zu kaufen ...
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Sie werden jünger (Oktober
2010)
Zu den ersten Erkenntnissen am Beginn des Lebens gehört: alle
sind älter als man selbst. Zwar wird unter Grundschulkindern
schon ein Altersunterschied von wenigen Wochen als beträchtlich
empfunden, doch hat man als Dreikäsehoch diesbezüglich eine
gewisse Großzügigkeit und sieht sogar die stufenhöheren
Wasserbombenschmeißer irgendwie zumindest als Gleichaltrige.
Wir sind wir, die sind die - dieses Gefühl hält lange, bei
manchen sehr lange, und umso bitterer schmeckt die Erkenntnis,
dass man altert und die Welt der Jüngeren immer größer, bedeutender
und bedrohlicher wird.
Es fängt an mit
den Fußballspielern: "Der alte Sack da vorne soll jünger
sein als ich?!" Jens Nowotny war so einer, der früh diese
Frage in mir hochschnellen ließ. Die Zahl der Älteren in
diesem Sport schrumpft stetig, die Suche nach vertrauten
Geburtsdaten im Kicker-Sonderheft dauert immer länger - und
bald ist nicht mal der dritte Torwart eines Regionalligavereins
als Jahrgangsgefährte geblieben. Ein Prozess der schleicht und
deshalb gut verkraftbar ist. Bei anderen Berufsgruppen jedoch
kommt die "Sie-werden-jünger-Kelle" quasi über Nacht
...
Eines Tages
suchte ich in einer komplizierten Rechtssache den Beistand eines
erfahrenen Anwalts. Dieser von Freunden empfohlene, erfahrene
Anwalt sah irgendwie sehr jung aus. Lustig! Lustig?! Der wird
doch nicht etwa WIRKLICH jünger sein? Und wenn ja: wie will der
mir dann weiterhelfen? Anwälte müssen älter sein, Politiker
müssen älter sein, Bahnschaffner, Blumenverkäufer, Piloten,
bestimmte Berufsvertreter müssen einfach älter sein! Doch es
hilft nichts, sie werden jünger. Neulich saß ich beim
Zahnarzt, eine komplizierte Wurzelbehandlung wartete. Die
Arzthelferin fand beruhigende Worte, doch versetzte sie mich in
einen Schock, als sie verriet, das sie nicht die Arzthelferin
war, sondern die Ärztin. "Weg da, Sie können das nicht
können!", dachte ich, als die höchstens 30-Jährige zum
Bohrer griff. Doch, sie konnte es. Sie war erfahren. So wie der
Anwalt. Und wie er war sie jünger.
Ich schaue jetzt
immer mehr Golf, Bernhard Langer ist gerade 53 geworden. Das
beruhigt!
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Gebrochene Erwartungen (September
2010)
"Äh,
hallo, junger Mann, geht es hier lang zum Stadttheater?"
Die verdatterte alte Dame zeigt in den Sonnenwall Richtung
Südosten, Marientor. "Nein, nein, meine Dame, zum
Stadttheater geht es in die andere Richtung. 250 Meter dort
lang, dann links." Zur Info: Das gesuchte Theater liegt im
Nordosten unseres zufälligen Treffpunkts am Kreuz
Königstraße, Sonnenwall in Duisburg-City. "Oh ja, vielen
Dank, junger Mann". Die alte Dame schenkt mir ein freundliches,
faltiges Lächeln, dreht um - und geht in den Sonnenwall Richtung
Südosten, Marientor. Ui, ui, habe ich mich etwa unklar ausgedrückt?
Ist die Frau nicht mehr zurechnungsfähig? Oder werde ich hier
gerade vom Stadtfernsehen verarscht? Ich laufe ihr nach, lege
die Hand auf ihre Schulter und sage: "Entschuldigung, Sie
müssen DORT lang." - "Ne, ich muss DORT lang." -
"Ne, Sie müssen DORT lang." - "Ne, ich muss DORT
lang." - "Ne, Sie müssen DORT lang." - "Ne,
ich muss DORT lang." - "Ne, Sie müssen DORRRRT lang,
wenn Sie zum Stadttheater möchten, verdammt!" - "Aber
ich will jetzt gar nicht zum Stadttheater." Die alte Frau
geht weiter in den Sonnenwall Richtung Südosten, Marientor. Ihr
krummer Rücken wir immer kleiner. Es dauert zwei Minuten bis
ich mich von dem Schock erhole. Dann dämmert es mir:
Diese Frau hat
etwas Geniales vollbracht, sie hat Untrennbares getrennt. Während
ansonsten Frage und Zweck dieser Frage eine Einheit bilden, hat
sie den beiden zur Eigenständigkeit verholfen. Eine Revolution
des Nach-Dem-Weg-Frag-Rituals! So, du alter Taxi-Kutscher da
vorne, jetzt bist du fällig! "Hallo, können Sie mich zum
Flughafen fahren?" - "Sischer." - "Ja dann,
schönen Tag noch, da will ich nämlich erst nächste Woche
hin." Nichts verblüfft so sehr wie gebrochene
Erwartungen.
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Mein erstes Promi-Bild (August
2010)
Hätte ich alle A-, B- oder C-Promis, die mir beruflich und
privat in den letzten 100 Jahren vor die Flinte gelaufen sind,
um ein gemeinsames Foto ersucht, die Galerie wäre gut gefüllt.
Klingt prahlerisch, is' aber so: Thomas Gottschalk, Jörg
Kachelmann (!), Jack Johnson, Gerhard Schröder, Otto, Cindy
Crawford, Bata Illic. Wow! ;-) Manchmal bin ich froh, dass sie
und ich uns gegenseitig haben links liegen lassen, manchmal
ärgere ich mich, denn irgendwie wäre eine Fotostrecke mit
meinen "Freunden" (viele bezeichnen ihre Promi-Opfer
gerne als solche) doch auch ganz nett. Als Sechsjähriger hätte
ich meine Sammlung beginnen können: da traf ich (kein Witz) auf
dem Moerser Trödelmarkt keinen geringeren als den fingierten
Russenbarden Ivan Rebroff. Leider war die um meinen Hals
baumelnde Kamera in Wahrheit eine Wasserpistole. Pech gehabt:
Keine Kamera, kein Bild, kein Auftakt einer Promi-Galerie, die
mir heute bei Gagenverhandlungen mit unerfahrenen
Tanzschulbesitzern aus Xanten vielleicht ein paar Euro mehr
bringen könnte. Nun ist es längst zu spät, um mit so was
anzufangen - oder?
Entgegen
sonstiger Gewohnheiten kam ich letzte Woche überpünktlich zum
Konzert der Rock-Legenden von Foreigner in die Zeche, Bochum.
Ein riesiger Bus versperrte die Auffahrt. "Mein Gott,
jetzt werden die Foreigner-Fans schon mit dem Bus aus Bad
Kreuznach hierhin gekarrt!", dachte ich. Aber: es war
der offizielle Tour-Bus, und fröhlich heraus spazierten die in
Würde gereiften Alt-Rocker. Gutes Timing! Bandgründer Mick
Jones schüttelt geduldig allerlei Fanpranken, eine Wuchtbrumme namens Rita
lässt sich ihr T-Shirt mit der Aufschrift "Dirty White
Girl" von Mick signieren. Rock trifft Fernsehgarten -
herrlich! "Wo bleibt denn der Sänger?", frage
ich den Security-Mann. Zur Info: Foreigner lebten in ihrer
Bestzeit (die lange her ist) vor allem vom Charisma ihres
Leaders Lou Gramm, der irgendwann ausstieg und nach schwerer Krankheit
inzwischen nur noch für Baumarkteinweihungen in
Illinois gebucht wird. Kelly Hansen heißt der Neue, für mich
einer der besten Rock-Sänger der Welt. Schon als Frontmann der
Metal-Band "Hurricane" wusste Hansen mächtig zu imponieren, ein mehr als würdiger
Nachfolger. Das bringt Lou Gramm
zwar nicht zurück, hält aber das Foreigner-Gefühl am Leben,
während einstige Hoffnungsträger wie Nickelback nur noch
schändliche Witzeleien durch die Hitradios schicken. "Da kommt
jemand. Isser das? Ja, das isser!" Irgendwie ist es mir dann wohl
rausgerutscht: "Kelly, do you have time for a foto?"
Da war er wieder, der kleine Junge Ludger K.: Gestern noch mit
Wasserpistole neben Ivan Rebroff, heute mit iphone neben Kelly
Hansen. Wie, den kennt keiner?! Egal, für mich gilt: "Feels
like the first time"! :-)
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"Southside, can you hear me?!" (Juli
2010)
Auf dem Hurricane-Rock-Festival erfüllte mir mein Beruf erneut
einen Kindheitstraum: ein mal mit 100.000 anderen Jugendlichen (ok,
das trifft auf mich nur noch bedingt zu) und eingefleischten
Rock-Liebhabern (ok, auch das trifft auf mich nur bedingt zu)
unter freiem Himmel vier Nächte zum Tag machen - mit lauten
Gitarren, Bier, Bratwurst und Dixi-Kajüten, HERRLICH! Als ich
am Bahnhof ankam und über die ersten minderjährigen Schnapsleichen
zum Festivalbüro lief, dabei einen Blick auf jede Menge
einstürzende Zeltkonstruktionen warf, dachte ich: "Wie
schön! Schön, dass ich in einem Hotel untergebracht bin."
Zur Info: Ich hatte die Ehre, beim Traditionsevent "Hurricane"
(nahe Bremen) parallel zu den Stone Temple Pilots, Skunk
Anansie oder Massive Attack ein paar Varieté-Shows
moderieren zu dürfen, und auch wenn meine ersten Zeilen hier
viel Ironie tragen: Ich habe die Zeit dort sehr genossen! Vor
allem im Backstagebereich: wenn in Leder gehüllte Musiker, die
aussehen wie auf einem Frank-Zappa-Doppelgängerwettbewerb, brav
in Reih und Glied auf Pasta oder Milchkaffee warten, so ist
allein dieser Anblick unbezahlbar. Wir sind doch alle nur
Menschen, oder? Das bewies auch Mr. Maxi Jazz, Sänger der
Kultband Faithless: Da "Hurricane" aus
strategischen Gründen im Süden der Republik eine exakte
Entsprechung namens "Southside" hat (und das auch noch
zur selben Zeit), schien Herr Jazz die von Regengüssen
vermatschten Campinggelände nicht mehr unterscheiden zu
können. "Southside, can you hear me?", brüllte er
den Hurricane-Besuchern entgegen. "Junge, da warst du
gestern, heut' is Hurricane!", dachten alle, waren aber
milde mit ihrem Star. "Yeah, yeah", so die falsche,
aber von viel Wohlwollen getragene Antwort. Vielleicht sollten
wir mit unseren Politkern auch mal so nachsichtig sein, statt
ihnen jeden kleinen Fauxpas noch Jahre später gnadenlos um die
Ohren zu hauen. "Angie, we don't love you, but we will rock
you!"
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Hoffmann & Hoffmann: Tragisch! (Juni
2010)
Das
Tagebuch diesmal als verfilmtes Hörbuch -
mein Gott, bin ich modern!
Man könnte auch sagen:
kurzfristig ein wenig
schreibfaul. ;-)
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Wellpappen Peters (Mai
2010)
Immer wieder treffen wir Leute, mit denen uns nur ein kurzer,
gemeinsamer Abschnitt unseres Lebens verbindet und die uns daher
- wohl verständlich - ausschließlich auf jenen Lebensabschnitt
und die darin geschehenen Geschehnisse reduzieren. Als Schüler
verdingte ich mich einst für ein kleines Zubrot im Rahmen eines
Sommerjobs bei Wellpappen Peters in Kapellen. Die dortige Arbeit
war (gelinde gesprochen) eher unakademisch: An einer
Auswurfmaschine ausharren, Wellpappen auf Paletten pappen und
dann auf die nächste Wellpappe zum Pappen warten. Nur eine
knappe, wenngleich ob ihrer Intensität unendlich lang anmutende
Woche dauerte dieses Abenteuer, und der Zeitpunkt meiner letzten
gepappten Wellpappe ist nun über 20 Jahre her. In Wort:
ZWANZIG! Vor ein paar Wochen traf ich einen meiner damaligen
Fließband-Gefährten wieder. "Hey, wir kennen uns doch,
oder?" Richtig, ER war der Typ mit den weißen
Cowboy-Stiefeln, ICH der Asi mit dem hellbraunen
ellesse-Stirnband; ein Wunder, dass wir einander
wiedererkannten. "Und, bisse noch bei Wellpappen Peters in
Kapellen?", fragt er. Stille. "Ne, ne", sage ich,
"da bin ich schon lange nicht mehr. Ich bin jetzt bei Kalle
Karton in Kaarst.
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Amtrak (April
2010)
Auch wenn selbsternannte deutsche Intellektuelle gerne die
Unterschiede zwischen uns und den USA betonen, im Grunde sind
die Amis und wir gleich: auch die Amerikaner lieben ihre Kinder,
hassen Politiker, begeistern sich für Sport und gehen morgens
ungern zur Arbeit. Klar, manches läuft bei denen anders. Oder
bei uns, je nachdem auf welcher Seite des Atlantiks man
argumentiert. Nach meinen beiden USA-Reisen werde ich oft
gefragt, was denn am prägnantesten von in der Heimat Gewohntem
abweicht. Antwort: das Zugfahren. Zwar schickt unsere geliebte
Deutsche Bahn genau wie das amerikanische Ponton Amtrak die
Züge auf Schienen durchs heimatliche Geschehen, aber das war's
dann schon mit den Gemeinsamkeiten. Als exemplarischer Beleg
soll folgender Dialog dienen, der sich am prachtvollen
Bahnhof Washington D.C. wirklich so (oder so ähnlich)
ereignet hat:
"Hey, wo
wollen Sie hin?" "Zum
Gleis." "Haben
Sie denn ein Ticket?" "Nö,
das kaufe ich im Zug, bin spät dran." "Das
geht nicht, das müssen Sie bei mir kaufen. Name? Ausweis?"
"Ist das
wirklich nötig?" "Natürlich,
Sie wollen doch ein Ticket." "Schon,
aber zu Hause brauchen wir so was nicht." "Woher
kommen Sie?" "Europa,
Deutschland." "Sind
Sie von da geflüchtet?" "Ne,
die haben mich gehen lassen." "Aha.
Sie haben Glück, der nächste Zug ist fast ausverkauft." "Ausverkauft?
So was gibt's?" "Natürlich.
Bei Ihnen nicht?" "Nö,
einen ausverkauften Zug habe ich noch nie erlebt, und ich reise
viel mit der Bahn." "Also
fährt bei Ihnen kaum jemand Zug?" "Doch,
doch, und wie. Nur AUSVERKAUFT gibt's bei uns irgendwie
nicht." "Aber
was ist denn, wenn mehr Tickets verkauft werden, als es Sitze
gibt?" "Dann
ist es eine ganz normale Zugfahrt in Deutschland." "Ja,
wo halten sich denn dann die überzähligen Passagiere
auf?" "Auf
dem Gang." "Und
es beklagt sich niemand?" "Doch,
doch, die Leute maulen und fluchen alle." "Was
ist, wenn jemand nicht mehr stehen kann?" "Dann
setzt der sich auf die Treppe." "Treppe?"
"Treppe!
Oder auf seinen Koffer." "Warum
ist der Koffer nicht im Gepäckwagen?" "Es
gibt keinen Gepäckwagen, wir nehmen unser Gepäck einfach mit
rein." "Das
muss nicht aufgegeben werden? Wie leichtsinnig! Was ist, wenn
jemand 10 Koffer mitnehmen will und 10 Taschen?" "Dann
nimmt der seine 10 Koffer und 10 Taschen und stellt die in den
Gang." "Wer
kontrolliert den Inhalt?" "Die
Ehefrau beim Packen." "Unglaublich."
"Jetzt habe
ICH mal eine Frage: Warum ist das Gleis menschenleer, obwohl der
Zug doch fast ausverkauft ist?" "Man
darf erst dorthin, nachdem der Zug eingelaufen ist, der
Kontrolleur Ihr Tickt geprüft hat und Sie dann dorthin
lässt." "Moment
mal, was ist denn, wenn ich meiner Geliebten zum Abschied winken
will?" "Das
geht nicht, das müssen Sie hier machen." "Hier
in der Eingangshalle? Sollen wir uns gegenüber hinstellen und
fröhlich zuwinken,
wie bescheuert sieht das denn aus?" "Alles
andere ist mit unseren Sicherheitsbestimmungen nicht vereinbar,
wir können doch nicht jeden ans Gleis lassen." "Bei
uns darf jeder ans Gleis." "Auch
ohne Ticket?" "Auch
ohne Ticket." "Auch
kleine Kinder?" "Gerade
die." "Aber
Kinder rennen doch rum, schubsen sich, spielen. Und wenn dann
die Züge durchfahren ... Eure Züge sind nicht sehr schnell,
oder?" "Na
ja, bis zu 200 Meilen pro Stunde." "OH
MEIN GOTT! Wie viele Unfälle passieren bei euch?" "Unfälle
gibt es kaum. Und wenn, dann sind eigentlich nie die Fahrgäste
schuld." "Wie
viele Anschläge gibt es mit Hilfe unkontrollierter
Gepäckstücke?" "Mir
ist diesbezüglich nichts bekannt. Ein mal hat ein Typ im
Ballacktrikot erfolglos einen Anschlag verüben wollen. Der ist
aber selber gar nicht gefahren." "WAS
für ein Trikot?" "Ballack.
Ach, vergessen Sie's." "Also:
Wer bei euch in Deutschland Zug fährt, kann sein Ticket wenn's
knapp wird drinnen kaufen, braucht kein Gepäck aufzugeben, kann
Drogen und Waffen reinschmuggeln und hat keinen Anspruch auf
einen Sitzplatz. Kinder können wenn der Zug mit 200 Sachen
durchfährt am Gleis Fangen spielen oder einen Hürdenlauf über
unzählige Koffer veranstalten. richtig?" "Stimmt
genau." "Dann
verkaufe ich Ihnen jetzt mal ihr Ticket." "Ne,
ich glaube, ich fahre lieber mit dem Bus." "Warum?"
"Das ist
mir hier alles zu unsicher."
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Nein danke! (März
2010)
Dortmund.
Cabaret Queue. Auftrittsende. "Hey, Ludger, draußen warten
zwei Teenager auf dich!" Dass Tonmann Peter diesen Satz
geradezu megafonhaft über die Flure des Theaters schallen
lässt, ist mir gar nicht unlieb. Sollen doch alle hören, wie angesagt
ich in der werberelevanten Zielgruppe bin. Im Foyer erblicke ich
zwei nette, sehr junge Mädchen aus der
Pferdepostergeneration. "Duu, hast du auch eine CDee?"
- "Klar, im Auto, bin gleich zurück ..." Natürlich
stecke ich für Mädchen Nr. 2 ein zusätzliches Exemplar ein.
"Soo, hier deine CD." - "Wie teuer ist die
denn?" - "Die schenke ich dir." -
"Toll!" - "Gerne. Und dir schenke ich auch
eine" - "Nein danke."
Wahnsinn: die
wohl vornehmlich als schweigsame Begleitung mitgereiste junge
Dame findet mich offenbar derart doof, dass sie sogar eine
geschenkte CD ablehnt. So viel Ehrlichkeit würde ich mir in der
deutschen Politik auch mal wünschen.
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Die Wahrheit über Öttingers
Schwänglisch (Februar
2010)
Oft übertreiben
wir es mit unserem Spott, wenn ein deutscher Prominenter sich
auf dem Terrain der englischen Sprache schwer tut. Beispiel
Lothar Matthäus: an seinem ersten Tag bei den New Jersey Metro
Stars (heute Red Bulls New York) fasste sich Lothar ein Herz und
sprach:
„I hope we have a little bit lucky“, um dafür wochenlang in
deutschen Medien durch den Kakao gezogen zu werden. Den
Amerikanern indes war das völlig egal, sie waren sogar froh darüber,
dass zumindest EINER aus ihrer Welt-Elf ein paar Brocken
Englisch zustande brachte. Unzählige Male versuchte ich Lothar
vor Freunden zu verteidigen – vergeblich. Jüngst frohlockte
Guido Westerwelle auf einer internationalen PK in bester
Heinrich-Lübke-Manier: „The Aufschwung is da!“ Auch hier
hagelte es Hohn, auch hier hob ich mein Schutzschild, denn: würden
WIR es nach einer durchzechten Wahlnacht wirklich besser machen?
Nun aber kommt Öttinger, und bei dessen auf youtube zum Hit
avancierten Auftritt als EU-Energie-Koryphäe kann auch ich
nicht mehr innehalten: Mein Gott, ist das lustig! Doch nachdem
ich mir die Tränen der Entzückung aus den Augen gewischt habe,
wächst nun ein schlimmer Verdacht in mir. War sein Gestammel am
Ende nur ein Ablenkungsmanöver?
Wir
alle reden bloß über den Vortrag als solchen und versäumen
dabei, den INHALT Öttingers Gebaren unter die Lupe zu nehmen.
Tenor: „Wir sitzen alle im selben Boot, alles hängt zusammen,
nicht jeder darf machen, was er will, bla, bla, bla, ...“Ein
Platitudenfeuerwerk auf unterstem Grundschulniveau; bei
„normalen“ Umständen würde die deutsche Korrespondenz-Prominenz
um Jörges, Markwort & Co. diese Luftblasen genüsslich zum
Platzen bringen - doch derlei bleibt Öttinger erspart.
Vielleicht war das ja Taktik, und der gewitzte Schwabe sah beim
morgendlichen Blick auf sein Ghostwriter-Skript in einem unerquicklichen
Schwänglisch den letzten Ausweg vor drohender inhaltlicher
Konfrontation. Falls das stimmt: Räschpäkt!
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I`m dreaming (Januar
2010)
Mein Gastspiel auf der AIDAluna hielt zum Ende des Jahres
noch einmal echtes Neuland für mich bereit - im übertragenen
und im wahren Sinne, denn auf den angesteuerten Kanarischen Inseln
war ich zuvor noch nie gewesen. In deutschem Schneegestöber aufgebrochen,
in praller Sonne bei 26 Grad gelandet - wow! Es
ist der zweite Wehnachtstag, ich schlendere vom
Flughafenrollband gen Taxistand und beobachte die Einheimischen.
"Canarias libre, Canarias libre!", brülllt jemand
lauthals den Touristen entgegen. Nein danke, denke ich, für
Cocktails ist es noch zu früh. Auf dem Vorplatz erklingt im
Taxi-Kanon der lokale Radiosender und spielt einen echten
Klassiker: Bing Crosby, I'm dreaming of a White Christmas. Mein
erster Gedanke: da könnt ihr HIER aber lange träumen. ;-)
Fortsetzung
folgt!
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Bayrische
Errungenschaft (Dezember
2009)
Am letzten
Novemberwochenende führte mich mein Torplan nach München. Eine
hinreißende Stadt mit vielen Kaffeehäusern und noch mehr
Nobel-Läden. Auf der ruhmreichen Maximilianstraße ging ich an
einem Möbelhaus vorbei. Es war kein konventionelles Möbelhaus
à la Roller, Poco, Bernskötter oder IKEA, es war ein Geschäft
mit Alleinstellungsanspruch - hier hatten Designer aus ihrer
Fantasie Unikate werden lassen. Ich blickte ins Schaufenster,
und zurück blickte ein Mobiliar, das mich ob seiner unfassbaren
Schönheit erstarren ließ; allein der Kerzenständer auf dem
Beistelltisch wäre einen Doppelmord wert gewesen. Im Zentrum
der Glückseligkeit prangte ein Sofa, das minutenlang zu mir
rüber blickte. Es war mehr als ein Sofa, denn es vereinte
erhabene Schlichtheit mit unverschämt greller Farbenpracht.
Nach einer Weile wusste ich: das ist Liebe, und ich will dieses
Ding haben, koste es was es wolle! Ich werde es von einer
scheißteuren deutschen Spedition liefern lassen, deren Fahrer
und Packer allesamt ein abgeschlossene Auslandsstudium haben und
die Waren mit Hilfe handgefertigter Kalbslederriemen lächelnd
jede Altbautreppe hochschleppen. Warum immer sparen? Billig is
blöd, geiz is grässlich, ich liebe das Leben, drum her mit
dir, du betörendes Designerstück!
"Grüß
Gott, kann ich helfen?" - "Ja, ich will das Ding da
hinten. Was kostet es?" - "14.000 Euro."
PAUSE. "Äh, ich meine den Kerzenständer." Einen Tag
später blicke ich stolz auf meine bayrische Errungenschaft, die
eine eigenwillige Liaison aus 40% Lebenslust und 60% Vernunft zu
mir brachte. Eine passende Kerze hatte ich übrigens noch - von
IKEA.
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Jetzt hol' schon
endlich die Kartoffel! (November 2009)
Anfang der 70er schufen Filmemacher im Auftrag des ZDF einen atemberaubenden Vierteiler: "Der Seewolf", heute oft als Meilenstein des Fernsehens gewürdigt. Rotschopf Raimund Harmstorf spielte die Rolle seines Lebens, und wir Jungs hingen auch bei der x-ten Wiederholung noch gebannt vor den schwarz-weiß flimmernden TV-Geräten. Besonders prägnant war die Szene, in der der Seewolf mit bloßer Hand eine Kartoffel zerquetscht - unzählige Nachahmungsversuche auf dem Pausenhof scheiterten, sogar als einige von uns die Kartoffel durch ein rohes Ei ersetzen. Egal, wir sind Seewolf! Auch mit gerade mal 1,40 Meter.
In diesem Jahr belästigen uns gleich zwei große Sender mit ihren aufwendigen Neuverfilmungen, erst Pro7 und nun zu Monatsbeginn auch das ZDF. Näher an der Vorlage sollen beide
Filme sein, sie nähmen sich mehr Zeit, heißt es. Aber wozu? Sowohl im Vorfeld, als auch beim Zusehen und ebenso in der Nachbetrachtung geht es nur um eine Frage: Wann und auf welche Weise zerdrückt der Kapitän die Kartoffel? Alles andere ist egal. Die
"Ghost" (das Schiff) plätschert im Pazifik, Humphrey van Weyden (der Antagonist) erklärt den Sinn der modernen Welt, Maud Brewster (die Frau) macht einen auf Deutschland-Achter alleine. Nach knapp einer Stunde höre ich das Kind in mir aufschreien: Jetzt hol' schon endlich die Kartoffel!
Schon faszinierend, wie sich große Filme, Serien und sogar historische Ereignisse irgendwann nur noch auf eine (vermeintliche) Schlüsselszene reduzieren lassen müssen. Beispiel John F. Kennedy: vier
Tage war der Mann damals in Berlin, so lange wie kein Präsident zuvor oder danach, es wurden bedeutende Verträge geschlossen, die zum Teil heute noch Gültigkeit besitzen. Doch
ganze vier Worte genügen für eine erschöpfende
Zusammenfassung seines Deutschlandbesuchs: ICH BIN EIN BERLINER! Was könnten wir nicht Geld und Zeit sparen, wenn wir das alles vorher wüssten
...
Noch mal zum Seewolf: Ich bin kein bräsiger Nostalgiker und durchaus offen
für Neuverfilmungen aller Art - aber diesen hier fehlt etwas, das sich auch mit hohen Produktionskosten nicht erschaffen lässt: Charme. Schade.
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Ich hab noch Sand in
den Schuhen von Schwerin (Oktober 2009)
Schwerin. Deutschland.
Mitternacht. Nach meinem Auftritt im örtlichen SPEICHER wollte
ich in aller Ruhe den Weg zum Hotel antreten, um am nächsten
Morgen ausgeruht nach Rostock weiterzufahren. Ausnahmsweise war
ich mit dem Auto unterwegs, das in einer von Nachttischlampen
aus der Nachbarschaft und vorbei fahrenden Fahrrädern schummrig
angeleuchteten Einfahrt auf mich wartete. "Ganz schön eng
hier", dachte ich, "am besten, ich dreh und fahr vorne
raus, die Sandpartie vor dem Asphalt ist sicher kein Problem
für mein Auto - oder?" Und schwupps stecke ich fest!
Mit Engelszungen
redet die Veranstalterin auf mich ein: "Das wird schon, ich
schieb deinen Wagen an, und du bist im Nu wieder draußen."
Nix. Je lauter der Wagen aufheult, umso tiefer sacke ich ins
innerstädtische Strandparadies. Es wird immer später.
"Ludger, wir müssen den Sand mit den Händen frei
schaufeln!" Gute Idee, dann mal los. Plötzlich kommt ein
Mann mit Fratze und einer Frau im Schlepptau in die Einfahrt.
Beide sturzbesoffen. Sie tapsen vor mein Auto, ducken sich.
Stille. Minutenlang. Was ist los? Gibt's da hinten ein Stargate?
"HALLO?!" Ich fühle mich wie in einem Film von
Aktenzeichen XY. Da taucht die Fratze wieder auf und schreit:
"MEINE FRAU MUSS NUR KOTZEN!" Spätestens da weiß
ich: gleich wache ich auf, und alles wird gut. Doch weil die
Szenerie noch unrealistischer ist als in einem Traum, ist klar:
das alles passiert grade wirklich! Ich stecke fest, es ist
dunkel und kalt, und eine Schwerinerin bekotzt meinen
Kühlergrill. Ich werde den Rest meines Lebens hier im Sand
verbringen müssen. Hilfe, ADAC!
Irgendwann biegt
ein gelb lackierter Endlosschlepper um die Ecke. "Mit dem
komm ich aber nich inn Einfahrt rrein", ruft der gelbe
Engel aus dem Fahrerfenster. "Richtig, das hatte ich
aber Ihrer Telefon-Fachfrau bereits vorher gesagt."
Vor meinem geistigen Auge bilden alle von mir während der
Grundschulzeit gedemütigten Klassenkameraden eine Menschenkette
und rufen: "Ludger, wir stecken dahinter, das ist unsere
Rache!" Ich rufe zurück: "Es tut mir leid, deine
Schwester ist nicht hässlich, und dein Klapprad war
wunderschön, wir waren alle bloß neidisch. Holt mich hier
raus!!!"
Ein Jeep ist es
letztlich, der mich aus dem Sand zu ziehen vermag. "Wer
weiß, wofür es gut ist", sagt die Veranstaltern, die bis
zum bitteren Ende mit mir gewartet hat. Ja, beim nächsten Mal
werde ich alles, was nach Sand aussieht, meiden. Alle
Sand-Metaphern erscheinen mir nun ganz anders: Auf Sand gebaut,
Sand im Getriebe, Mr. Sandman - fehlt nur noch, dass jetzt auf
WDR4 Bata Illic läuft mit "Ich hab noch Sand in den
Schuhen von Schwerin". Aber das ist natürlich total unrealistisch
- in Meck-Pomm gibt es schließlich kein WDR4.
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... und draußen is'
Roberto Blanco! (September
2009)
Auf der AIDA aura
schipperte ich im August durch den Norden Europas, u. a. nachNorwegen, Island und zum schottischen Loch Ness. Stille
Städtchen, unglaubliche Umweltpanoramen und lehrreiche
Landausflüge gaben Langeweile keine Chance. Die üppige
Verpflegung und ein liebliches Bord-Theater ließen schnell nur
ein Fazit zu:So
eine Kreuzfahrt ist genau mein Ding! Gegen Ende der Reise
machten wir Station in Reykjavik; in einem Café genieße ich
die Isländische Gemütlichkeit und nutze die Pause für ein
kurzes Telefonat mit meiner Mutter. "Und, is schön?"
- "Ja, Mama, das Wetter ist toll, die Menschen sind nett
... und draußen is' Roberto Blanco."
Wie
erstarrt blickte ich durchs Fenster auf eine Traube deutscher
Digital-Terroristen, die unseren Spaß-Barden Roberto im
Schwitzkasten der Objektive gefangen nahmen - mitten in der nördlichsten
Hauptstadt Europas. Ich hatte in Island wirklich mit allem
gerechnet: frei laufende Wildpferde, Lavaströme, Eisbären -
aber Roberto Blanco?! Es stellte sich raus: Blanco war an Bord
des Traumschiffs, das zufällig zeitgleich am Hafen Station
machte. Und als ob sein Auftritt in der Stadt nicht schon genug
gewesen wäre, zog er später, als abgelegt wurde, noch mal alle
Register an Deck, warf Küsschen von Schiff zu Schiff und sang
unaufgefordert, unaufhörlich und mit einem bugbreiten Lachen
seinen patentierten Wahlspruch: Ein bisschen Spaß muss sein!
Das Publikum tobte, ich hatte ein Riesenthema für meinen
Auftritt in der Tasche, und mir wurde klar, dass das alles kein
Zufall sein konnte, denn: der unkaputtbare Roberto ist wie die
Sonne auf Island - er wird niemals richtig untergehen. Respekt!
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Wo ist das Zentrum? (Juli/August
2009)
Zu
Monatsbeginn führte mich mein Komödiantendasein in die Nähe
von Koblenz; Kollege Matthias Jung hatte ein paar Kollegen zum
Stelldichein auf einer Bühne im benachbarten Mülheim-Kärlich
geladen. Schmissig und pointenreich verlief der Abend, doch die
größte Belustigung erlebte ich einen Tag später im Gespräch
mit einem örtlichen Busfahrer ...
„Guten
Tag, ich möchte nach Koblenz, wo steige ich am besten aus, wenn
ich einen Stadtbummel machen möchte?“
„`s
kann ich Ihnen net saache, `s kommt ganz drauf an, wo se
hinwolle.“ (Hinweis: der Rheinland-Pfälzer an sich ist in
seiner Sozialisation stark von Samson aus der Sesamstraße
beeinflusst, blickt einem Ortsunkundigen aus Respekt nie in die
Augen, und Hochdeutsch gilt in seiner Heimat als Fremdsprache.)
„Na
ja, äh, ich möchte ins Zentrum.“
„Tja,
wo is `s Zentrum? Die einen saachen so, die annern so.“
„Einfach
mitten rein in die Stadt, möglichst zentral.“
Pause.
Wo ist das Zentrum? Samson ist offenbar völlig überfordert und
flüchtet in Schweigsamkeit.
„Wissen
Sie was, ich steige einfach eine Haltestelle vorm Hauptbahnhof
aus und frage mich dann durch, ok? Wie heißt denn die letzte
Haltestelle vorm Bahnhof?
„Koblenz-Zentrum.“
„Danke.“
Nur
zur Klarstellung: Koblenz ist eine wunderbare Stadt, an deren
Ufern der Rhein die Mosel küsst – allein der Ausblick auf
einer der Brücken ist eine Reise wert und entschädigt für
alles. Man muss ja nicht über Mülheim-Kärlich fahren.
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Standesgemäß (Mai/Juni
2009)
SPRINGTIME
hieß die abwechselnd von mir und Matthias Brodowy
moderierte zweimonatige Spielzeit im GOP-Varieté in
Essen, die ich standesgemäß mit einem Solo-Abend
im Juni abschließen durfte. Wenn dann auch noch
derart kreative und angemessen gekleidete junge
Damen auf einen im Foyer warten, so darf man wohl
getrost von einer gelungen Zeit sprechen. Danke! :-)
Für
alle "Neulinge" auf dieser Seite könnte
folgender Link einiges zum Shirt-Aufdruck
erklären:
Was hätte ich als Bub drum gegeben, ein mal die britische Pop-Ikone Kim Wilde live erleben zu dürfen. Statt dessen musste der Bravo-Starschnitt reichen und ihr regelmäßiges Stelldichein bei Mal-Sondocks-Hitparade (für alle Nicht-NRWler: das
war eine Kult-Radiosendung auf WDR2). Konzertbesuche mit 11 Jahren sahen Eltern damals eben nicht so gerne. Als ich später zum Manne reifte und selbst hätte entscheiden können, war die gute Kim leider von den großen Bühnen verschwunden - jetzt kehrte sie zurück, Kim Wilde in der Zeche Bochum. Ein Besuch: Ehrensache! Doch natürlich hatte ich auch Bedenken: Werde ich auf einer Ü30-Party landen mit bräsigen Nostalgikern in
Moonwashed-Jeans-Jacke? Wird die gute Kim die Töne versemmeln oder 100 Kilo zugelegt haben wie Alison Moyet beim
Yazoo-Revival? Alles Quatsch, es war großartig!
Am Eingang drückte mir ein Mittvierziger erst mal einen Nik-Kershaw-Flyer in die Hand. "Wer will DEN denn noch sehen?", dachte ich. Ach ja, Leute, die Kim Wilde mögen, sind theoretisch natürlich auch seine Zielgruppe, um Gottes Willen! Eine unverschämt coole Vorband legte los, ein gereiftes Erwachsenenpublikum erkannte deren Leistung an und war schier aus dem Häuschen, als Kim Wilde die Bühne betrat. Lederjacke, enge Klamotten und ganz schön blond. Die Hardcorefans in der ersten Reihe sahen zwar so aus wie diejenigen Schulhofkinder, die in der Pause (meist zurecht!) regelmäßig verdroschen worden waren, aber egal, dann bin ich heute Abend eben auch einer von denen. Eines wurde schnell klar: Kim Wilde ist immer noch zu 100% ganz genau so sexy wie ... na ja, sie ist auf jeden Fall noch immer sehr, sehr schön - mit fast 50! Statt mit Equipment aus der Schwarzwaldklinik-Ära einen peinlichen Bentompi-Klang über die Boxen zu jagen, präsentierte die Band die alten Wilde-Hits in wirklich extrem ansprechendem E-Gitarrensound - anders und dennoch so wie gewünscht. Und das Beste: in der Zeche Bochum ist man ganz nah dran, du kannst allen Musikern in die Augen blicken, statt in der LTU-Arena in Reihe 428, Sitz Z, allenfalls ein paar Silhouetten auf Großleinwand erahnen zu müssen. Das war mir eine Lehre: Ich werde mir grundsätzlich keine Konzerte mehr in Stadion ansehen, sondern darauf warten, bis auch die Rolling Stones alt geworden sind und in der Zeche spielen. (Äh, irgendwas stimmt nicht an diesem Satz ...) Kim, just go for it! Go for the second time!
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Münster (März 2009)
Zwei Monate im GOP in Münster sind zu Ende. Ich habe gelernt,
dass Altenberge einen Bahnhof hat, dass Lüdinghausen ein
beliebtes Touristenziel ist und dass es Fahrradfahrer gibt, die
aggressiver sind als Porschefahrer. Fazit: Hier lässt sich
leben - und spielen. Danke und bis bald! :-)
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Raucherclub (Februar
2009)
Mitte
letzten Jahres war es endlich auch in NRW soweit: Rauchverbot in
allen öffentlichen Gebäuden - "Hurra!", schrien
meine Lunge, meine Augen und meine Klamotten, endlich Kneipen-
und Restaurantbesuche ohne Smogalarm. Doch
Sucht macht erfinderisch: flugs wälzten die Tabakschlümpfe die
Gesetzestexte und entdeckten im Dunst der Paragraphen eine Lücke.
Folge: der Raucherclub wurde geboren, eigentlich einer
geschlossenen Gesellschaft vorbehalten, doch nach und nach ein
Fluchtsigel für alle, geduldet von der um Wählerstimmen fürchtenden
Politik. Nun gilt also ein flächendeckendes, theoretisches
Rauchverbot, das aber faktisch nicht existiert, weil jeder Depp
sein Terrain als Raucherclub klassifizieren darf, ohne dafür
auch nur das kleinste Kriterium erfüllen zu müssen. Keine
Aufnahmelisten mehr nötig, keine Hürden, nix. Das Wörtchen
„Club“ macht aus Gesetzesverstößen geduldete Handlungen,
genial! Wie wär’s: Ihr zerhackt euren Partner und geht
straffrei aus, weil an der Haustür ein Schild „Mörderclub“
hängt. Oder: ein Türsteher haut einem Gast erst mal gehörig
eins auf die Zwölf, und bei Beschwerden sagt er einfach: Dies
ist ein „Fight Club“. Jahrzehntelang war es schlimm genug,
dass die feigen Volksvertreter den Mantel des Schweigens über
den Nebel des Grauens legten, doch ich hatte mich irgendwie
arrangiert mit der unvermeidbaren Giftgasgegenwart. Eines aber
mag ich so gar nicht: Verarscht werden! Drum lasst uns lieber
zur „guten“ alten Regelung zurückkehren: Rauchen überall
erlaubt - ist ja auch viel gerechter. (Hinweis: das behaupten
viele WIRKLICH!) Oder besser noch: Einführung einer
Raucherpflicht - wer nicht mindestens eine Schachtel pro Tag
qualmt, muss ins Gefängnis. Falls die Knastkantine nicht auch
ein Raucherclub ist, geh ich schon mal freiwillig.
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Paralleluniversum (Januar
2009)
Meine
letzten Auftritte im Jahr 2008 führten mich in den Quatsch
Comedy Club nach Berlin. Das Theater befindet sich im Gebäude
des Friedrichstadtpalastes, früher DAS kulturelle
Aushängeschild der DDR und auch heute noch ein Prunkstück
Berliner Abendunterhaltung. Heute wie damals geben dort auf der
riesigen Hauptbühne streng choreographierte, internationale,
nicht selten 100 Menschen umfassende Ensembles ihr Stelldichein
mit Akrobatik, Radau, Orchester und versenkbarer Eisfläche,
während zur selben Zeit unterm selben Dach nur durch ein paar
schalldichte Wände getrennt einsame Stand-Up-Comedians das
Scheinwerferlicht im kleinen Saal erblicken. Beide Bühnen sind
also eng miteinander verbunden - und doch ist es so, als seien
die jeweiligen Künstler meilenweit von einander entfernt. Eines
Abends ging ich nach meinem Auftritt die Lieferantenwege entlang
und verlief mich. War es diese Tür hier zur Empore des Quatsch
Clubs oder diese? Ich drehte das schwarze Griffungetüm des
Stahlblaumanns zur Seite - und sah wie unzählige Uniformierte
an mir vorbei in ihre Garderoben flitzten. Mein Irrweg hatte
mich ins Paralleluniversum geführt, den Backstage-Bereich der
aktuellen Aufführung "QI" im Friedrichstadtpalast.
Ein wehender Vorhang winkte mich in den Zuschauerraum, und ich
erlebte unverhofft eine prunkvolle und herrlich altmodische,
multilinguale Sanges- und Tanzrevue mit Schlittschuhbarden und
gefühlten 1000 geklonten Tanzblondinen, die wie in einem alten
Jopi-Heesters-Streifen ihre Beine bis unters Hallendach
schmissen. Großartig! "Hey, ihr da, ich bin ein Kollege,
wir arbeiten unterm selben Dach", schrie meine innere
Stimme, bevor die Hand des Pausengongs sie wieder zum Schweigen
brachte. Ein Zufall hatte mich in diese fremde Welt gebracht und
einen stillen Moment der Begegnungsbegierde geweckt, der mich
auch zu Hause zum Nachdenken brachte, denn: dass Menschen unter
einem Dach leben und nichts voneinander wissen, ist kein
Privileg des Friedrichstadtpalastes, sondern es prägt unser
ganzes Leben. Wir können es nicht ändern - aber ein seltener
Blick hinter den Vorhang erweitert unseren Horizont. Oft macht
uns eine falsch gewählte Tür, ein vertauschter Einkaufswagen
oder eine unleserlich beschriftete Klingel diesen Blick
unerwartet möglich, also: lasst uns die Augen stets geöffnet
halten. Frohes Neues Jahr!
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Schneeketten In Oberhausen (Dezember
2008)
Früher
habe ich den Beginn der Weihnachtszeit immer daran erkannt, dass
bei Metzen und Rudis Reste Rampe Osterhasen
verkauft wurden - doch beide Läden gibt's nicht mehr, und die
mentale Einfindung ins besinnliche Jahresende hat sich auch
angesichts dauerpräsenter Weihnachtsutensilien in Wohnblöcken,
Innenstädten und Werbefilmen bereits ab Mitte Oktober als
kalendarisch unpräzise erwiesen. Was tun? Das Wetter hilft in
diesem Jahr:
Am letzten November-Wochenende sanken die Temperaturen binnen weniger Stunden um 10 Grad und ganz NRW war im Nu bedeckt von einem wundervollen Schneemantel. Eigentlich etwas sehr Schönes,
ein Grund zum Singen und Fröhlich-Sein: "Schnee-he-flöckchen,
weiß Röckchen ..." Doch was passiert? Man wird bombardiert mit Negativschlagzeilen: Unwetterwarnung, Verkehrsinfarkt, Schneechaos.
Was ist das überhaupt für ein furchtbares Wort: Schneechaos? Früher hieß das einfach
Winter - heute wird bei Schnee nur noch gewarnt, geklagt, gefürchtet. Eine Moderatorin auf N24 hat allen Ernstes
in einer Wetter-Sondersendung (!) einen Vertreter des ADAC gefragt: "Muss man jetzt Schneeketten aufziehen?" Ja
klar, bei 5 Grad Celsius im Flachland, auf jeden Fall. Stellt
euch mal einen VW-Polo in Oberhausen mit Schneeketten vor.
Wobei, einen Vorteil hätte das: die Zeit der Besinnung bekäme
im Ruhrgebiet ein unübersehbares optisches Zeichen:
Schneeketten.
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Diego Daum und Franjo Airpooth (November
2008)
Diego Maradona wird Nationaltrainer in Argentinien. Großartig! Diese Meldung habe ich gehört in den WDR5-Hörfunknachrichten. Mal ehrlich: Was müsste ein "normaler" Argentinier alles anstellen, um es in die WDR5-Hörfunknachrichten zu schaffen? Unter einer Teilung des Meeres läuft da gar nichts! Da merkt man, wie privilegiert ein Fußballstar ist, selbst dann wenn er seine beste Zeit längst hinter sich hat. Maradona hat in den letzten Jahren ja sogar fast nur durch Drogenaffären auf sich aufmerksam gemacht, und trotzdem kann er Nationaltrainer werden. "In Deutschland undenkbar", sagen viele mit Verweis auf Beinahe-Bundestrainer Daum - doch der Vergleich hinkt, denn: der Schock in Deutschland nach der berühmten Haaranalyse war nur deshalb so groß, weil niemand vorher die
dunkle Wahrheit geahnt hatte. Hätte Herr Daum von Anfang an alle Vorwürfe bestätigt und nie einen Hehl daraus gemacht, so wie Maradona, dann wäre das ganze wahrscheinlich auch bei uns kein Problem gewesen.
Also: Wer irgendwo ein Vorstellungsgespräch hat, sollte von Anfang an reinen Tisch machen: Ja, ich habe am Moers-Bach 1988 zwei Laternen ausgetreten!
Übrigens, ein prominenter Düsseldorfer ist trotz Ehrlichkeit nicht an einer Strafe vorbeigekommen: Franjo
Pooth, der
Männe von Verona, hat unternehmerische Fehler eingestanden und wurde
dennoch vor Gericht zur Zahlung von fast 2 Millionen Euro
verknackt. Vorwurf: Insolvenzverschleppung, Bestechung und von
mir ganz persönlich mit Blick auf die Ehefrau: akute Geschmacksverirrung.
Eine skurrile Geschichte ist das allein deshalb, weil weder Klagende noch Beklagter im Düsseldorfer Gerichtssaal anwesend waren. Notgedrungen haben sich die ganzen Fernseh-Boulevard-Teams für ihre Berichterstattung gegenseitig abgefilmt,
herrlich! Was mich nachdenklich gemacht hat war, mit welchen Mitteln Franjo Pooth angeblich seine Geldgeber bestochen haben soll.
(Ich formuliere es bewusst vorsichtig: "Angeblich haben SOLL".) Da ist immer wieder von Flachbildfernsehern zu lesen. Wie hab ich mir das denn vorzustellen? Franjo kommt seelenruhig mit so einem Riesen TV-Gerät in die Bankfiliale und sagt: "Kann ich mal den Chef sprechen?" Ist doch logisch, dass so was auffällt. Das soll sein Namensvetter Franjo Strauß in Bayern früher viel geschickter gemacht haben.
"Ja, hier ist der Ministerpräsident, ich habe gestern bei Ihnen im Büro einen schwarzen Koffer stehen
lassen, den können Sie ja irgendwann mal zurückbringen. Muss aber nicht ..." Und? Heute ist
der Münchner Flughafen nach ihm benannt. Wie heißt eigentlich der Flughafen Düsseldorf? Hey, da ist eine Namenspatenschaft
noch frei! Mein Vorschlag: Franjo Airpooth.
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Krise. Desaster. Hurra! (Oktober 2008)
"Bayern
in der Krise": Solch eine Schlagzeile wäre noch vor Kurzem
unter Garantie ein Druckfehler gewesen, nach der Landtagswahl im
Freistaat jedoch ist es eine politische Zustandbeschreibung. CSU
verliert, SPD verliert - ein Desaster für die Volksparteien,
also? Keineswegs, man muss nur Sieg und Niederlage neu
definieren lernen: Die SPD gab am Montag eine Pressekonferenz im
Willy-Brandt-Haus und ließ sich feiern - dass sie selber von ihren
furchterregenden 20 Prozent noch mal auf knapp 18 Prozent
gepurzelt war, blieb im Zeichen der Tragödie des Gegners eine
läppische Randnotiz. Erfolg wurde hier also ausschließlich
über den Misserfolg der Anderen definiert: Genial! Diese Taktik
sollte sich schleunigst in der amerikanischen Bankenwelt
etablieren. Man stelle sich vor, ein Anleger verliert die
Hälfte seines Vermögens, sieht aber, dass der Nachbar 2/3
seines Vermögens verloren hat, und feiert dann im Kreise seiner
Freunde den großen Erfolg der eigenen Geldgeschäfte.
Panikhandlungen? Wirtschaftskrise? Fehlanzeige! Verlieren und
Hurra schreien, so geht modernes Management. Da mach ich mit!
:-)
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Obama for Kanzler! (September
2008)
Ich
staunte nicht schlecht, als Die Zeit letzten Monat
enthüllte, dass Barack Obama deutsche Vorfahren hat. Wann soll
das denn gewesen sein? Ist gar nicht so lange her: 1749 zog es
einen gewissen Christian Gutknecht aus dem Elsass mit seiner
Frau nach Amerika. Aus Gutknecht wurde Goodknight, später
Goodnight, Sohn Samuel zeugte eine Tochter, die einen Sohn, der
wieder einen Sohn, der wieder einen Sohn, der wieder einen Sohn,
der eine Tochter und die mit Barack Hussein Obama schließlich
unseren Barack Jr. Alles klar?!
Bestimmt
kommen jetzt unsere für Einbürgerung verantwortlichen
Staatdiener auf dumme Gedanken, denn: nach wie vor gilt in
Deutschland das Blutsprinzip, und das hat schon Leute wie
Fußballspieler Paulo Rink oder Basketballhüne Chris Kamen
über Nacht zu waschechten Deutschen werden lassen, ohne dass
die auch nur ein "Hallo Mutti" fehlerfrei über die
Lippen brachten. Egal, macht Obama zum Deutschen! Dann wird am
Ende vielleicht in Erfüllung gehen, was ein putziger Schüler
sich neulich in einem BR-Interview wünschte. Zitat: "Ich
möchte, dass Obama Kanzler wird."
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Kraftprotz & Co. (August 2008)
Auf
dem Weg zur Autowerkstatt lief ich an einer mir bis dahin
niemals aufgefallenen Bäckerei vorbei. Ich war in Eile, und
dennoch veranlasste mich schon ein flüchtiger Blick durch die
Scheibe mein Schritttempo gehörig zu verlangsamen. Kurz vor
Ladenschluss war es. Brauchte ich denn zu Hause noch Brot? Wenn
ja, dann ist das hier die letzte Gelegenheit, also nichts wie
rein ins Körnerparadies. "Guten Tag." - "Guten
Tag." Pause. Aus dem Sortiment glotzt mich ein
tiefschwarzer Klumpen an, Name: Kraftprotz. "Was ist denn
in dem Kraftprotz drin?", erbitte ich Auskunft. Die Verkäufern
sieht aus wie Britney Spears, spricht aber wie Kaya Yanar:
"Weiß isch nisch", zischt es aus ihrem Zungenpiercing.
Ein deutsches Mädchen mit türkischem Klischee-Akzent,
herrlich. Ich frage weiter. "Und in dem
Weltmeisterbrot?" Pause. "Weiß isch auch nisch."
Zur Erklärung: Von meinen Stammbäckereien in Duissern bin ich
bei derlei Fragen eine ausführliche Brotinhaltsangabe gewohnt,
nicht selten nebst detailreicher Herkunftsbeschreibung.
"Ja, wissen Sie denn hier überhaupt irgendwas?"
Pause. "Tut mir leid", sagt die ungewöhnliche
Bäckersfrau, "mit Brot kenn isch misch nisch aus."
Eine wahre Geschichte.
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Friedhof der Flattermänner
(Juli 2008)
Vor
zwei Jahren fing es an: Autofähnchen in allen Nationenfarben
säumten die Wühltische des Einzelhandels und fanden ihren Weg
an unsere Autoscheiben, wo sie tapfer den Visitenkartenangriffen
der Import-/Exportmafia trotzten, Straßen bunter werden ließen
um letztlich in Feuilletons zum Diskussionsgegenstand gebauchpinselter
Zwischenrufer zu werden. Anfangs hatte ihr Preis zwischen 8 und
12 Euro gelegen, jetzt vor der EURO 2008 (früher hieß das mal
EM) fiel ihr Kurs ins Bodenlose: ein Set Türkei + Deutschland
etwa vermochte der Duisburger Knüllermarkt für gerade mal 89
Cent anzubieten. Folge: mit dem Preis sank die Qualität, hohe
Geschwindigkeiten - und als solche musste bereits alles über 30
km/h gelten - waren die Feinde der Flaggen. "Egal",
sagten viele Autofahrer, bogen selbstbewusst auf die Autobahn,
und schon sagte ihre Errungenschaft im Rückspiegel Adieu. Der
Wind brachte sie auf den Seitenstreifen, und da lagen sie dann:
Halbmonde, Sterne, Karos, Kreuze, Drei- und
Zweifarbkombinationen. Noch heute sehe ich einsame Plastikgriffe
an Beifahrertüren klemmen, weil ihre Besitzer schlicht noch
nicht bemerkt haben, dass ihr nationales Bekenntnis längst
seine letzte Ruhe fand auf dem Friedhof der Flattermänner.
Schon paradox: was ultralinke Studentengruppen 40 Jahre lang
nicht geschafft haben, schafft nun eine eigenartige Liaison aus
Patriotismus und Billig-Wahn: schwarz-rot-gold liegt im Dreck.
Kein schöner Anblick, doch für mich ein Lehre: Billig kann
traurig machen.
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Welf?!
(Mai 2008, II)
Zufällig
verschlug es mich letzten Freitag in den noblen Golf- und
Hockeyclub Etuf in Essen.
Zufällig trat ich nach meinem Besuch den Heimweg statt
auf der schnellen Autobahn durch die
ampeldurchsetzten Stadtstraßen an, was jedoch zu meinem
Gemüt passt, schließlich bin ich
bekennender "Cruiser". Ich verspürte Durst. Auf
was Besonderes. So was wie Ice-Tea Pfirsich-
Mango light. Drum hielt ich dann an einer blauen
Tankstelle auf der Alfredstraße. Zufällig.
Entschlossen enterte ich den Tankshop - und wen erspähten
meine überraschten Augen am
Hochtisch? Fernsehstar, Top-Anwalt und Sex-Symbol Welf
Häger! "Welf?! Was machst du denn
hier?" - "Du, du dudu duuuh, das gibt's jaaa
gaaa nich, hömma, dooh!" Manchmal kreuzen sich
Wege, ohne dass irgendjemand es vorausplanen kann. Welf
und ich, langjährige Kollegen seit
seligen Uli-Grothoff-Zeiten (Vorsicht: Insidergag!) waren
zu Tränen gerührt, fielen uns in die
Arme, und ich zückte in bester Bild-Lesereporter-Manier
mein Handy für ein Paparazzo-Foto.
Natürlich
nur zum Hausgebrauch. Klick!
Welf war zu früh dran bei seinem Salsa-Kurs in
Rüttenscheid und nutze die Tanke als Wartesaal, ein
irrer Zufall also hatte uns diesen Moment geschenkt.
Viel Hochgeistiges tauschten wir nicht aus, aber es
war einfach schön. Also, falls ihr vor der Wahl
steht: Pfrisch-Mango kaufen oder nach Hause fahren,
immer kaufen! Sonst verpasst ihr vielleicht was.
Zufällig.
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NACHWUCHSpreis
(Mai 2008)
Beim
"Schwarzen Schaf vom Niederrhein", dem inzwischen
drittgrößten deutschen Kabarettpreis, habe ich den zweiten
Platz erreicht. Ich freue
mich sehr über einen gelungen Auftritt, über Pokal und
Preisgeld, und als fairer Sportsmann gratuliere ich dem
55-jährigen Lothar Bölck herzlich zum Gewinn dieses
NACHWUCHSpreises. ;-) Im Ernst: Lothar ist ein netter Kerl mit
großartiger Bühnenpräsenz, den ich für seine Professionalität
ungemein schätze, und wenn ihn die Auswahljury trotz
30jähriger Bühnenerfahrung zu einem solchen Wettbewerb
zulässt, dann muss er halt auch gewinnen dürfen. Da will ich
als jüngster Finalteilnehmer mal ganz weise sein. Gutes Stichwort,
liebe WAZ-Redaktion: Ich bin 36, nicht 42! Zum Glück bin ich
nicht eitel. ;-) Besonders freut mich, dass ich mit klarem
Vorsprung (und hauchdünnem Rückstand) auf Platz zwei der
Publikumswahl gelandet bin - und das, obwohl ich auf das Mobilisieren
einer lautstarken Anhängerschaft verzichtet habe. Klingt alles
nicht unbedingt nach riesiger Freude, oder? Doch, doch, ich
freue mich! Auch auf einen äußerst
reizvollen Monat Mai.
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"Ich bin auch nicht von hier."
(April 2008)
Letztes
Wochenende machte ich Station im Nordosten, erst im schnieken
Schwerin, danach im ruhigen Rövershagen, das liegt ein paar
Kilometer östlich von Rostock. Hier in Mecklenburg sind die
Menschen so herrlich entspannt, davon kann man als gestresster
Großstädter nur träumen. Als Bahnhof verkleidet begrüßte
mich ein kleines Knusperhäuschen, das sogar Jim Knopf an seine
Heimat erinnert hätte. Geschäfte? Kofferkuli? Service Point?
Gibt's hier alles nicht. Automat für die Rückfahrkarte? Gibt's
auch nicht. Wann fährt denn überhaupt ein Zug zurück?
"Entschuldigung, ist das hier der Fahrplan?" - "Jou,
das isser", sagt mir der Bahnmitarbeiter im
Knusperhäuschen, "aber den dürfen sie nicht so genau
nehmen." Gut, denke ich, dann nehme ich mir erst mal ein
Taxi zu meiner Pension. Problem: Einen Taxistand gibt es
natürlich auch nicht. "Sagen Sie mal, wie komme ich denn
an ein Taxi?" - "Tja, hier am Bahnhof is
schlecht." - "Fahren Busse?" - "Nicht am
Wochenende." - Und nu?" - "Weiß nich, ich bin
auch nicht von hier."
Fazit:
In Rövershagen muss Hektik einfach draußen bleiben.
Großartig! Am Ende kramte der nette, auswärtige Bahnmann eine
alte Visitenkarte hervor, und schwupps war doch noch ein Taxi
da. Taxameter? Natürlich nicht. Unsere Fahrt führte über
Felder, Wiesen und Vorgärten. "Den Weg hier können Sie
morgen auch ganz bequem zurücklaufen, sind ja nur sechs
Kilometer. Aber Vorsicht vor den Wildschweinen!" An meiner
Gaststätte begrüßten sich Wirt und Fahrer freundlich per
Handschlag. "Moin Erwin." - "Moin Lutz. Komm
rein, kriegste 'n Kaffee." Und so saßen der Wirt, der
Taximann und der Komiker gemeinsam an der Theke und
schwadronierten. So viel Zeit muss sein.
Übrigens: Schon am Tag zuvor in Schwerin hatte ich ein paar
nette Leute kennen gelernt, und natürlich komme ich gerne
zurück in den Nordosten.
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Hereinspaziert ins Sambaland (02.12.2006)
Als ich letzten Dienstag im ICE nach Frankfurt saß, nutzte ich einen netten Service der Deutschen Bahn: zwischen den Sitzen befinden sich Kopfhörereingänge, und über mehrere Kanäle gibt es Musik zu hören. Kostenlos! (Bei 2,70 Euro für einen Instant-Kaffee ist das durchaus erwähnenswert.) Die Reiseplanbroschüre informiert über das jeweilige Programm. Kanal 1: Anna
Netrebko. Och nö, auf diese Fiedeltussi hab ich grad keine Lust. Kanal 2: Silbermond. Die gehen gar nicht. Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich bis der Arzt kommt? ("Tag" auf "nach", "Regen" auf "geben" usw.) Nein, danke! Kanal 3: Detlev Jöcker - Alle Kinder dieser Erde. Wer
und was ist das denn? Der Text gibt Aufschluss: "Ein Benefizalbum, das dem Nachwuchs die Bedeutung von Toleranz und einem friedvollen Miteinander vermittelt." Aha, dann ist der Kerl also eine Art Rolf
Zuckowski für 68er. Na, bevor ich hier Silbermond hören muss… Und so gab sich das 34-jährige Kind Ludger K. die komplette Kinderdröhnung. "Reich den Schwachen deine Hände", "Hereinspaziert ins Sambaland", "Wir wollen Frieden auf der Erde." Mit guten Argumenten machten die Lieder schnell klar, dass wir alle gleich sind, uns alle lieb haben sollen, und die Kleinen unser aller Hoffnung sind. Ungelogen, ich war gerührt, von Kinderliebe überwältigt, vom Toleranzvirus infiziert. Wie ein debiler Auftragsgrinser schritt ich danach durch das Frankfurter Bahnhofsgelände, machte Halt an einer Pflanze und gönnte mir einen Moment der Besinnung. Plötzlich kommt so ein verzogener Dreikäsehoch daher und tritt mit voller Wucht gegen meine Laptoptasche. "Hey, du Rotzlöffel, kannse nicht aufpassen?!"
Schön, wenn bei schlimmen Infekten das Gegengift nicht lange auf sich warten lässt. ;-)
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Black Dahlia (01.11.2006)
Manchmal gibt es
Filme, auf die man sich so sehr freut, dass man den Start kaum
erwarten kann. Als ich sah, dass ausgerechnet Brian de Palma,
von vielen zurecht als “KleinerHitchcock“ gefeiert, eine Geschichte des
LA-Confidential-Autors verfilmt hatte, die noch dazu in den
herrlich bebilderbaren 50er Jahren angesetzt ist, witterte ich
sogleich eine genussreiche Liaison cineastischer Superlativen.
Nach dem Film fühlte ich mich dann wie jemand, der einen
Ferrari bestellt hat und ein verrostetes Bonanzarad geliefert
bekommt. Mein Gott, was für ein Langeweiler! Dagegen sind die
historischen Parlamentsdebatten im Ereigniskanal Phoenix der
reinste Psychothriller. Gestern fragte mich plötzlich Kumpel
Heisti, selbst ein ausgewiesener Filmexperte: „Hast du Black
Dahlia gesehen?“ Ich erschrak. Was, wenn er völlig anderer
Meinung ist? „Sach du“, sag ich. „Bin eingepennt.“ –
„Ich auch.“ Gute Nacht.
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Hung up! (01.09.2006)
Der zurück
liegende Monat hatte zahlreiche Superlative für mich in Petto -
aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich selber stand zuletzt bei
Essen Original vor knapp 5.000 (in Worten: fünftausend!)
Menschen gemeinsam mit dem unglaublichen Heinz und Knacki Deuser
auf der riesigen Showbühne am Kennedyplatz, fühlte mich dort
zwischenzeitlich wie ein Rockstar und hörte das Geschehen von
meiner inneren Stimme immer wieder mit einem ungefragten "Wow"
kommentieren - als Zuschauer hatte ich Tage zuvor die andere
Sicht genossen bei den Mega-Events von Robbie Williams und
Madonna, deren Konzerte in Hockenheim und Düsseldorf ich
live erleben durfte. Beim Fräuleinwunder aus New York war es
mehr als ein schnöder Besuch, erfüllte sich doch ein
Kindheitstraum. Doch wer sich einen Traum erfüllt, sollte stets
auch das Erwachen einkalkulieren...
Als Konzertgänger
stecke ich in einem Dilemma. Für den Innenraum bin ich
inzwischen zu bequem, von den meisten Sitzplätzen aus aber ist
die Sichtdistanz in einem Stadion wie der LTU-Arena derart groß,
dass man auf die Leinwände angewiesen ist und quasi eine DVD-Übertragung sehen muss, denn die
"echte" Madonna ist nicht mal schemenhaft zu erkennen.
Manchmal dachte ich, auch Mutter Beimer hätte da unten
rumturnen können, gemerkt hätte das ab der Preiskategorie 2
(da gabs die Tickets für "nur" 140,50 Euro) ohnehin
keiner. Gespannt war ich auf die Skandalszene mit Madonna als
Jesus-Double. Ich hatte mich vor allem gefragt, bei welchem Lied
sie sich wohl ans Kreuz nageln lassen würde. Klare Antwort:
"Hung up", oder? ;-) Doch es war dann schließlich
"Live to tell", und von Skandal konnte keine Rede sein,
es war eher unfreiwillig komisch. Als die Kamera ranzoomte sah
das ganze auf der Leinwand fast so aus, als hinge die
gute Frau Ciccone gar nicht am Kreuz, sondern (ganz ehrlich) an
der Torwand des Aktuellen Sportstudios. Ich hab nur darauf
gewartet, dass Dieter Kürten um die Ecke kommt und ruft: So,
drei unten, drei oben!
Fazit: Entweder
man erscheint bereits um 5 Uhr Uhr morgens und stellt sich im
Innenraum ganz vorne an die Bühne oder man lässt es. Denn
sonst sieht man nicht Madonna, sondern allenfalls 40.000 Leute
beim Madonna-Kucken. Schade.
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Angriff
der Akkordeon-Spieler (18.07.2006)
Da saß ich
neulich friedlich im Regionalexpress von Düsseldorf nach
Dortmund, als plötzlich in Wattenscheid-Höntrop vier mit
Panflöte und Akkordeon bewaffnete Osteuropäer den Zug
betraten. "Wer sind die denn?!", dachte ich,
"etwa eine Schlepperbande"? Nein, schlimmer, denn ehe
ich mich versah schmetterten mir die Jungs ein fröhlich
lautstarkes "Rosamunde" ins Gesicht, gefolgt von einem
unverschämten "Du kannst nicht immer 17 sein". Dann
hielt einer von ihnen grinsend die Hand auf. Herr Kusenberg, zur
Kasse bitte...
Dass man im
Urlaub mit gezielten Attacken irgendwelcher Panflöten-Pedros
klar kommen muss, ist nix Neues. Michael Mittermeier hat
solcherlei musikalische Ergüsse
bereits zur Genüge kabarettistisch aufgearbeitet. Irgendwann
zog es diese Musiker dann offenbar auch an die Quelle des
Urlaubsgeldes in deutsche Fußgängerzonen, und nun scheint die
nächste Stufe erreicht: Akkordeon-Spieler aus den neuen
EU-Ländern entern deutsche Bahnen! "Sach ma, hab ich euch
bestellt, oder watt?, schnauzte ein schätzungsweise drei
Zentner schwerer Fahrgast und verweigerte die Zahlung. Auch ich
ließ mein Portemonnaie erst mal stecken, doch das war den
kriminellen Musikelementen erst richtig Ansporn. Bei 35 Grad im
Schatten schoben sie im nicht-klimatisierten Großraumwagen ein
fröhliches "Wann wird's mal wieder richtig Sommer"
hinterher. Die kennen wirklich keine Skrupel. Wieder dieses
Grinsen. Herr Kusenberg, zur Kasse bitte! Muss ich das zahlen?
Natürlich nicht, Schutzgeld muss man auch nicht zahlen.
Schwupps war ich um einen Euro ärmer - und die Bande
verschwunden. So sehen also die modernen Euro-Gangster aus. Mein
persönliches Fazit: Dann lieber ganz altmodisch im
U-Bahnschacht überfallen werden.
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Tillmann (18.05.2006)
Letzten Monat
erlebte ich etwas - so finde ich jedenfalls - Unfassbares. Ein
Auftritt hatte mich ins UERIGE geführt, eine Kult-Kneipe in der
wunderbaren Rheinmetropole Düsseldorf, in der ich mehrere Jahre
gewohnt habe und immer wieder gerne spiele. Zu Gast in der Show
"Reiner Tisch" des leider viel zu selten auf deutschen
Bühnen zu sehenden Kollegen Frank Küster war neben mir noch
ein Kollege aus Köln namens Tillmann. Als dieser den
Backstage-Raum betrat und wir einander vorgestellt wurden, hatte
ich dieses komische, sicher jedem von uns bekannte
Hey-dem-bin-ich-irgendwo-schon-mal-begegnet-Gefühl. Aber wo?
Was oft quälende Zeit des Überlegens erfordert, vollzog sich
an dieser Stelle innerhalb weniger Sekunden. Eine unsichtbare
Hand riss mich schnurstracks zurück ins Jahr 1985.
Damals
war ich gerade 13, körperlich und geistig auf dem Weg vom Jüngling
zum Manne – freilich ohne dass meine Eltern davon etwas
mitbekamen. Dass ich mich mit Mitschülerinnen nicht nur zur
Nachhilfe treffen wollte? Für meine Eltern, denen selbst Konrad
Adenauer schon zu flippig gewesen war, völlig undenkbar. Die
Osterferien des Jahres 1985 verbachte ich ganze drei Wochen im
Ski-Urlaub an der Seite meines Vaters im bayrischen Mittenwald,
nahe Garmisch-Partenkirchen. Wir lebten dort in der äußerst
abgelegenen Jugendherberge. (Keine Ahnung, welcher Anflug von
Jugend-Komm-Zurück-Wahn meinen Vater dazu getrieben hatte, aber
wir waren eben dort, und es war gar nicht mal übel.) Eines
Tages stieß eine vierköpfige Gruppe junger Studenten zu uns,
die sich offenbar entschlossen hatte, genau hier ein verlängertes
Wochenende einzulegen. Sie waren nett und nicht uncool, und
(Achtung: kritische Lebensphase) sicher hat mich deren
Ungezwungenheit und Vagabundentum nicht unbeeindruckt gelassen.
Wir hatten aber so gut wie nichts miteinander zu tun, kaum Gespräche,
keine Spiele, Saufereien oder sonst was. Sie waren damals
einfach nur da und verschwanden nicht nur rasch wieder aus der
gemeinsam bewohnten Herberge, sondern auch komplett aus meinem
Gedächtnis. Bis jetzt, denn dieser Tillmann, der nun im Uerige
lachend vor mir stand, erinnerte mich irgendwie an einen dieser
jungen Männer von damals, 1985, die ich danach nie mehr gesehen
hatte. Ich musterte den Kollegen genau. Groß, glattrasiert mit
grauen, kurzen Haaren, eine prägnante Erscheinung, dieser
Tillmann. Er sah dem Typen aus meiner Erinnerung überhaupt
nicht ähnlich. Der nämlich hatte lange, dunkle Haare und Bart.
Dennoch, irgendwas erinnerte mich an ihn. Merkwürdig...
"Tillmann,
es ist mir peinlich das zu fragen, aber..." - "Hey,
frag ruhig." - "O.K. warst du zufällig vor 20 Jahren
mal an Ostern für drei Tage in der Jugendherberge Mittenwald im
Skiurlaub?" Stille. Kollege Frank Küster, der neben uns saß,
staunte nicht schlecht. Wie bitte? "Äh, ne du, ich bin mal
als Kind Ski gefahren, aber... wann soll das gewesen sein? Nein,
1985 garantiert nicht mehr." - "Ja, ja, es ist echt
bescheuert von mir. Sorry." Ich erzählte ihm die
Geschichte mit einigen Vater-Sohn-Details. Pause. Noch mal
Stille. Frank Küster völlig sprachlos, Tillmann grübelt. "Moment,
wann war
das? Ja, als Student war ich mal übers Wochenende mit
einigen Kommilitonen Ski-Fahren. Zu denen gibt es heute aber
keinen Kontakt mehr, ich weiß nicht mal mehr wie die heißen.
Wo genau das war hab ich auchvergessen.
Ich hatte seinerzeit, glaube ich, vier Semester in
Kaiserslautern studiert." - "Du warst mit einem
kleinen, rundlichen Typen da und einem Freund namens Bernd. Der
erzählte mir, er studiere Informatik.“ Tillmann erhebt sich:
"Ich habe damals Informatik studiert." - "Hattest
du lange, dunkle Haare und einen Spitzbart?“ Tillmann zückt
seinen Führerschein. Spitzbart, lange Haare. Das war er.
Unfassbar!
Wie
oft passiert es, dass Leute auf einen zugestürmt kommen mit den
Worten: " Hey, wie geht’s?", und man hat keine
Ahnung, wer das sein soll. Oft verbindet uns mit solchen
Menschen eine lange gemeinsame Zeit, die gar nicht lange zurück
liegen muss – doch alles ist wie weggeblasen. Und dann kommt
ein Tillmann daher, fürs eigene Leben völlig irrelevant
gewesen, und schon macht es Klick. Genau das wird niemals ein
Computerhirn simulieren können, das schaffen nur wir! Ich bin
beeindruckt vom menschlichen Gehirn. Schade, dass ich diese Fähigkeit
nicht schon früher im Mathematikunterricht entdeckt hatte.
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Ist ein
Arzt in der Nähe? (29.04.2006)
Ton aus, Licht an, Schrecken. "Wir müssen das Programm
unterbrechen. IST EIN ARZT IN DER NÄHE?!? Ich geh' Hilfe
holen." Diese drei Sätze ließ gestern Abend in
Düsseldorf Tontechniker Robin los, als Kollege Christian Hirdes
und ich gerade mitten im Finale waren. Au weia! Da wird doch
nicht etwa ein Zuschauer während des Programms abnippeln?
Hätte der nicht 10 Minuten warten können?
Im Ernst: Rudi
Carrell hat mal gesagt: Solche Situationen sind es, auf die man
als Komiker wartet. Na ja, ich kann das für diesen Fall nicht
bestätigen, denn natürlich waren wir erst mal ziemlich fertig.
Was passiert hier gerade?, dachten Christian und ich und hatten
wirklich Angst. Und nun? Auf die Bühne gehen und beim Warten
auf den Notarztwagen ein paar Witzchen reißen? Das hielten wir
für keine gute Idee. Dennoch, ich entschloss mich zum Dialog
mit dem Publikum. "He Leute, was ist hier los? Gibt es
einen Zwischenstand?" Bald stellte sich heraus: im Publikum
saß ein Diabetiker, und mit einer Flasche Afri-Cola aus dem Nachbarrestaurant
war alles geritzt. Für mich die passende Gelegenheit, den Herrn
nebst Gattin erst mal so richtig zu beleidigen. Das kam an -
Glück gehabt! :-) Unser Tipp an alle Zuckerkranken: am besten
immer ein Päckchen Fred-Ferkel dabei haben.
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Da kommt
die Weltraumpolizei (10.02.2006)
Immer wieder - das geht euch sicher auch so - wird man in
unserer von Renaissance-Wellen durchspülten Medienwelt mit
Sachen, Ereignissen oder Menschen konfrontiert, die einen als
Kind oder Jungendlichen begeistert haben - und plötzlich aufgrund
unerwarteter Widerholungen, irgendwelcher Jubiläen oder Retro-Shows nach Jahren der Abstinenz
wieder auftauchen und unseren
"neuen" strengen Augen und Ohren eines Erwachsenen
stand halten müssen. Vielfach ist das mit einem Schock
verbunden. Oh Gott, das fand ich früher mal toll?! Bei Otto
denk ich das häufig, ebenso bei Uralt-Ausschnitten aus Nonstop Nonsens
mit Didi Hallervorden. Doch auch den Effekt des
Sich-Bestätigt-Fühlens gibt es, oder? Wenn man etwa von einem
Film nur seine kindlich jugendliche Begeisterung im Hirn
gespeichert hatte, und später merkt: "Hey, das war ja
wirklich toll. ("Der Trost von Fremden" mit
Christopher Walken ist ein Film, für den das in meinem Fall zu
100% gilt.) Beides gleichzeitig aber? Schock UND Bestätigung?
Ja, das geht tatsächlich auch; diesen "Ober-Effekt" hatte ich vor
ein
paar Tagen. Da sah ich in einem Anfall von Zapp-Wahn
tatsächlich zwei Folgen der Zeichentrickserie CAPTAIN FUTURE.
Als Kind dachte
ich immer, CAPTAIN FUTURE sei eine ganz, ganz aufwendige
Sci-Fi-Serie aus den USA. Mitnichten! Ein Zeichenspektakel
billigster Güte von irgendwelchen Japanern war das. Genau so
übrigens wie (Achtung!) "Ciao Marco" und (Doppelachtung!)
"Heidi". Hilfe, dachte ich im ersten Moment beim Blick
auf die dilettantisch gepinselten Hauptfiguren, vor allem wenn
ganze Sequenzen aus simplen Standbildern zusammengefummelt
wurden. Dann aber wuchs meine Begeisterung, denn die Dialoge
waren einfach nur herrlich schräg, liebevoll missglückt und -
zurückhaltend formuliert - unfreiwillig komisch. Hier zwei
Auszüge:
Greg: "Wir
sind alle verloren!"
Otto: "Guck mal, da kommt die Weltraumpolizei."
oder
Joan Lander:
"Captain, sehen Sie ihn?
Captain Future: "Nein, er ist unsichtbar."
oder am allerbesten
Captain Future:
"Der Planet ist untergegangen."
Professor Simon: "...und mit ihm der sprechende
Kaktus."
Was für ein
herrlicher Murks, was für ein kultiger Käse, ich hatte Spaß
für zehn. Mal sehen, ob die Wiederholung von "Mark vom Ork"
da mithalten kann. ;-)
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Sie haben
ihr Ziel erreicht (26.10.2005)
Seit einigen Monaten begleitet mich bei meinen Autofahrten
durch die Republik ein famoser Pocket-PC mit integriertem
Navigationssystem. (Mit knapp 300 Euro hat dieses Teil ungefähr
den gleichen Wert wie mein Auto selber.) Dass die Stimme im
Inneren nicht unbedingt Schleich- sondern eher Mainstreamwege
bevorzugt, mag kaum überraschen. Auch, dass die Anweisungen der
Dame einer eigenen Realitätsvorstellung unterliegen, ist
irgendwo verständlich, typisch Frau eben, man muss das ganze
einfach übersetzen lernen. "Jetzt links fahren" zum
Beispiel heißt in Wahrheit "Sie hätten gerade links
gemusst", denn die da im Navi mit dem 0190-Timbre agiert
mitunter etwas schwerfällig. Was mich aber richtig nervt ist,
welch hanebüchenen Strecken von A nach B mir immer wieder als
Idealroute untergejubelt werden. Neulich etwa spielte ich in
Dortmund, und Madame Albrecht lotste mich über zig
Autobahnkreuze, durch etliche Stadtteile, wenden hier, drehen da
usw, bevor sie mich irgendwann das Ziel erreichen ließ. Ob das
wirklich so richtig war?, fragte ich sie und mich. Oder habe ich
versehentlich den "Sightseeing-Modus" gewählt? Als
ich einem Kollegen vor Ort von meiner Fahrtstrecke erzählte,
schlug der sich erst mal brüllend auf die Schenkel. "Uuaaah!!"
Mein messerscharfer Schluss: hier hätte es vielleicht auch
einen besseren Weg gegeben...
Fazit: so 'n Navi
ist insgesamt schon nützlich, aber man sollte vorher auf dem
Atlas genau nachsehen, wo es wirklich langgeht. Zusätzlich
sollte man sich vorher eine detaillierte Wegbeschreibung zufaxen
lassen und diese anhand eines zuvor gekauften Stadtplans genau
überprüfen. Sicher ist sicher! ;-)
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Disco
Fiasko (10.10.2005)
Als Jüngling (sagen wir mal bis 28) ging ich gerne ins
MUDIA ART. Für alle Auswärtigen: das ist eine ziemlich
extravagante Nobel-Disse in Essen. Heizdecken-Playboy Rolf Eden
mit seinen Klunker-Palästen in Berlin ist ein Dreck dagegen!
Prunkvolles Ambiente, schöne Frauen, hippe Mucke, ich habe
viele Besuche dort sehr genossen. Als ich dann aber langsam zum
Manne wurde (also 30), zog es mich nur noch selten in den Laden,
es gefiel mir einfach immer weniger dort. (Da ich rechtlich kein
Risiko eingehen möchte, halte ich mich mit schärferen
Formulierungen bezüglich der erst mit einer gewissen Reife wahrnehmbaren
Oberflächlichkeit mancher Besucher bewusst zurück.) Umso
neugieriger wurde ich, als plötzlich folgender Auftrag bei mir hereinschneite:
Geschlossene Veranstaltung im MUDIA ART - du moderierst!
Wer das MUDIA
kennt, der weiß, dass Akustik und Weitläufigkeit der Räume
nicht gerade förderlich sind für das Gelingen von
Wortbeiträgen, drum war mein Auftritt insgesamt ein ziemliches
Disco Fiasko, mit dem ich aber sehr gut leben konnte. Neben
annehmbarer Aufwandsentschädigung nämlich bekam ich vor Ort
die selbe Künstlergarderobe zugewiesen wie die schätzungsweise
zwei Dutzend Tanzmäuschen. Ich meine damit genau die, die ab 12
h immer nackig im Käfig hüppen und die männliche Kundschaft
gehörig in Wallung versetzen. Ein Knaller, oder? Das allein war
die Sache wert, natürlich nur der Atmo wegen, denn mal ehrlich:
hat sich nicht fast jeder schon mal gefragt, wie diese Mädels
abseits der Show so drauf sind?
Nun, wie sie sind
wenn der Vorhang fällt, weiß ich jetzt zwar immer noch
nicht, wohl aber, bevor der Vorhang sich öffnet, und ich werde
hoffentlich nicht als Denunziant gelten, wenn ich verrate: manch
vermeintliche Traumfrau aus dem gusseisernen Hängeknast würde
einem auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn echt nicht
auffallen. (Da ich rechtlich auch hier kein Risiko eingehen
möchte, halte ich mich abermals mit schärferen Formulierungen
zurück.)
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"Ich
brauch' mein Fahrrad zurück!" (10.08.2005)
Der Anruf von
Kumpel Benni Eisenberg riss mich ein wenig aus der Fassung.
Hintergrund: zu den World Games schien es mir sinnvoll, die
entsprechenden Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen, statt
für den Parkplatz an der Wedau regelmäßig 5 (in Worten:
fünf!) Euro Parkgebühren zu berappen. Mein Rad aber war nach
sieben Jahren Keller derart lädiert, dass ich den Freund und
Kollegen aus Bottrop um das seinige anschnorren musste. Und auch
dieses Kultgefährt hätte gewiss die nächsten sieben Jahre bei
mir im Keller verbracht - wenn es nicht besagten Anruf von Herrn
Eisenberg gegeben hätte: "Ich brauch' mein Fahrrad zurück!"
Beim Hintransport
von Bottrop nach Duisburg hatte ich das Teil noch problemlos im
BOND (so heißt mein Auto) befördern können. Nun aber passt es
irgendwie nicht mehr. Vielleicht ist es ja gewachsen, vielleicht
aber liegt es auch am plötzlichen Platzregen, der pünktlich zu
meinen Reinpackbemühungen über Duisburg hereinbricht. Die Nachbarn
schauen interessiert zu, einer nach dem andern hängt sich
vergnügt ans Fenster. "Auto oder Fahrrad - beides geht
nicht! ruft einer, "Is doof ne?" der andere, während
das kühle Nass unaufhaltsam aus den Wolken bricht. Pitschnass
in 30 Sekunden, und das mit 33 Jahren. Ich fühle mich wie Mark
Warnecke - nur eben mit Fahrrad.
Was nun? Da kommt
der rettende Einfall. Ich transportiere das Rad am besten mit
dem Zug nach Bottrop. Gedacht - gemacht, und schon entwickelt
sich bei mir dieser typische neue Blick, wenn man plötzlich
Dinge wahrnimmt, die schon immer neben einem stattgefunden
hatten, das bewusste Denkzentrum aber nie hatten ereichen
können. Kuck an, da schnallen Leute ihren Drahtesel wie ein Kleinkind
an den Sitzen fest, da tragen unzählige Menschen am Bahnhof ihr
treues Renngefährt liebevoll von A nach B, und ich mittendrin.
Die zugfahrenden Radfahrer sind offenbar eine echte Glaubensgemeinschaft.
Unaufgefordert wird mir geholfen, man kommt ins Gespräch,
fachsimpelt über Sport und teure Bahnhofskaffeebuden, wo sonst
nur ein gelangweilter Blick in den vom Nebenmann bewusst
vergessenen Wochenanzeiger zum Zeitvertreib in der 2. Klasse
blieb. Ich glaube, demnächst werde ich nur noch Zug fahren mit Fahrrad
- nur so zum Spaß. ;-)
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July und
der gefallene Traum (21.07.2005)
Einst hatte ich sie in einem Porträt der Kulturzeit
auf 3Sat gesehen. Mit tiefgründigen Augen blickte sie von fern
in meine kleine Welt, ihre Anmut wirkte wie die stille Musik
eines Blumenmeeres. Ich beschloss daraufhin, mich einfach mal spontan
in sie zu verlieben. Ihr Name: July Delpy, eine französische
Aktrice, die durch den Film "Before Sunrise" zu Weltruhm
gekommen war und irgendwann auch als Sängerin Noten und Worte durch die
Welt zu tragen gedachte. Doch ein solcher Mensch geht
natürlich nicht auf große Gesangstourneen, sondern macht sich rar.
Ein Besuch in NRW? Unmöglich. Umso überraschter war ich, als ich July dann
in einem Prospekt des Kulturprogramms meiner Stadt Duisburg
entdeckte. Wieder dieser Blick, voller Zauber und Grazie. Die Tage vor ihrem
Auftritt wurden lang, doch dann war es so weit. July, bienvenu!
So, liebe Freunde
der Verse, hier endet leider der Wohlklang in meinen Worten,
denn das Konzert der feinen Dame war bedauerlicherweise ein ganz
großer Kack.
Da kommt der vermeintliche Weltstar auf die Bühne und zieht
eine Leichenbittermiene auf, als ginge es um einen
Look-Alike-Wettbewerb für Murnaus Nosferatu. Genauso abgründig waren
auch die Klamotten. Eine stilferner Fauxpas aus dem
Altkleidersack - um es wohlwollend auszudrücken.
Natürlich werden hier sicher einige von weltlicher Natürlichkeit
und visuellem Purismus faseln, ne is klar. Weiter geht´s: ohne ein
einziges "Allo" oder Güten Aböönd" haut
die Franz-Frau ihr simples Liedgut in den Duisburger Regen,
liest die Texte zumeist vom Spickzettel ab (!) und weiß auch mit der eigenen
Setliste nicht so genau Bescheid. "What comes next? Ooh, the
guitar." Wenn so was ein mal passiert, mag das charmant
sein, bei fast jedem Titel aber ist es wohl eher schamlos. Selten war
ich aus einem Traum so bitter erwacht, und schnell wurde mir
klar: einer Steffi Graf wäre so was nie passiert. Die hat auch
bei Erstrundenmatches im Niemandsland immer alles gegeben. Bitte
Gräfin, greif zur Gitarre! ;-)
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Barfuß
oder Lackschuh (19.04.2005)
Der April hat eine derartig sakrale Kraft, dass alles, aber
auch wirklich alles durch die Ereignisse im Vatikan verschlungen
wird. Für mich etwa blieb kaum Zeit, meinen Geburtstag
angemessen zu würdigen, und auch ein bedeutender Sterbefall
ging in der öffentlichen Wahrnehmung unangemessen unter. Harald
Juhnke ist von uns gegangen, und ich erlaube mir, auch in diesen
Tagen des "habemus papam" das Ableben des letzten
deutschen Entertainers zu bedauern. Viele sagen, Papst JPII sei
nicht zu ersetzen. Für Juhnke gilt das aus meiner Sicht ebenso.
Harald, du warst einer der Größten, und falls hier jemand
Satire vermutet: ich meine das todernst. Kollege Jörn Häger
und ich sinnierten gestern gemeinsam auf der Bühne, wie denn
die Verfilmung des juhnkeschen Lebens (die es ja wohl
unweigerlich irgendwann geben wird) wohl heißen mag. Schnell
fiel uns eine Antwort ein: Barfuß oder Lackschuh. Freitag und
Samstag in der ARD. Wir sind gespannt...
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Ab in die
Zelle! (08.04.2005)
Gestern war ich unterwegs und hatte mal wieder mein Handy zu
Hause liegen lassen. Um ehrlich zu sein: manchmal (nicht in
diesem Fall!) vergesse ich das Ding mit Absicht, um eben NICHT
ständig erreichbar zu sein. Ein wahres Glücksgefühl. Was
aber, wenn man plötzlich selber jemanden dringend erreichen
muss? Moment mal, gab es da früher nicht mal irgendwas? So was
gelbes, später in pink? Richtig, Telefonzellen heißen die.
Nur: wo steht so ein Ding heute noch? Sofort mache mich auf die
Suche...
Hey, da vorne ist
eine! Nur gut, dass ich vor kurzem noch eine Telefonkarte
gekauft habe. Tür geöffnet - und was sehe ich? Einen
Münzapparat! Verdammte Hacke, da holt man sich für den Fall
der Fälle, der eigentlich eh nie eintritt, eine Telefonkarte,
die man ständig bei sich führt, und dann das. Betrug,
Skandal!!! Lediglich 20 Cent brachte meine Geldbörse her, dann
machte der digitale Countdown meinem Gespräch ein abruptes
Ende. Fazit: es gibt Situationen, da ist Geld eben nicht zu
ersetzen. Eine weitere Zelle fand ich übrigens leider nicht.
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Was
geschah am Karfreitag? (29.03.2005)
"Äh, da wurde Jesus geboren." So der O-Ton eines
leicht verwirrten Passanten im Rahmen
einer ZDF-Straßenumfrage zu Ostern. Es ging noch weiter:
"Und am Ostermontag, was
geschah da?" - "Da auch." - "Aha. Und wer
wurde am Heiligen Abend geboren?" (Kurze Pause)
"Ich glaub, der Weihnachtsmann."
Nun gut, eine
Gesellschaft, die sich nicht mehr dem Jahrhunderte währenden
Diktat der Kirche unterwirft, sondern der gesellschaftlichen und
damit auch religiösen Freiheit frönt, bis hin zum Mut zu
Nihilismus, zeugt von einer gewissen Aufgeklärtheit. Was aber,
wenn Aufgeklärtheit in Dummheit mündet? Ist das am Ende nicht
sogar zwangsläufig der Fall, zusammengefasst in der Formel:
Abschied von Werten = Abschied von Wissen? Wenn ja, wohin wird
uns das bringen? Vielleicht werden unsere Kinder in 10, 20
Jahren sagen: "Sido? Ne, den höre ich nicht, is mir zu
intellektuell." Amen.
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Offene
Briefe - geschlossene Gesellschaft (14.03.2005)
Aha: Merkel und Stoiber schicken unserem Kanzler einen
"offenen Brief". Über die Bildzeitung. Wenn ich
Gerhard Schröder gewesen wäre, ich hätte offen geantwortet -
mit einem Brief in "11 Freunde". Oder im
"Kicker". Oder in der "Apothekerrundschau".
Am besten versteckt ohne Ankündigung. Der ganze Briefwechsel
hätte sich auf diese Weise doch herrlich entwickeln lassen zu
einer Art Suchspiel: Wo stecken die Politiker? Schon wäre der
dahinsiechende Zeitschriftenmarkt neu belebt worden. Gute Idee?
Auf die Reformergebnisse
des anstehenden Treffens in geschlossener Gesellschaft bin ich
gar nicht mal gespannt. Vielmehr freue ich mich auf die
Verklausulierungen, mit denen das Nichtvorhandensein von
Ergebnissen unter die Leute gebracht werden wird. Warten wir's
ab...
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Die
Schnittkaputtmacher (02.03.2005)
Neulich verriet mir ein Kollege seinen Argwohn über die
Schnittkaputtmacher. Was er damit meint? Ganz einfach: er hatte
während einer Dienstreise spontan via Internet einen Flug nach
Paris für den vermeintlichen Traumpreis von 1 Euro erworben,
sich jedoch maßlos darüber geärgert, dass (Achtung!) der
Internet-Schuppen, von dem aus er die Bestellung losschickte,
ihn glatt das Doppelte an Gebühren gekostet hatte. Zudem habe
er sich beim Surfen vor Ort eine Cola für 2,50 Euro gegönnt,
und das alles habe ihm letztlich den ganzen Schnitt versaut.
"Jetzt fliege ich nur noch mit halbem Vergnügen nach
Paris", meinte er. Geiz? Nein, er hat völlig recht!
So günstig die
Spartarife von Germanwings oder der Deutschen Bahn sein mögen,
vergessen wir nicht die üblen Schnittkaputtmacher, denn die
haben es wirklich in sich: ein Brötchen am Bahnhof kostet nicht
selten 3 bis 5 Euro, eine Zeitschrift für Fahrt oder Flug
ebenfalls. Für eine Tasse Kaffee im ICE muss man heute
unfassbare 2,60 Euro hinlegen, und über die sogenannte
Feinschmecker-Curry-Pfanne im Bord-Bistro reden wir besser erst
gar nicht. Dann noch eine Fahrt mit dem Taxi vom Bhf zum
Treffpunkt und von dort aus mit dem Handy die Oma anrufen -
schon ist die Geldbörse leer und der Spartarif nur noch
Makulatur. Drum rate ich: wer einen Billigflug oder sonstigen
Spartarif erwirbt, muss Disziplin bewahren. Kein Brötchen,
keine Bild, ja nicht einmal Wasserlassen ist erlaubt, kostet
schließlich auch 50 Cent. Wenn es sich aber um einen Normalpreis
handelt, ist Spontankonsum in Ordnung, denn: dann machen die
paar Euro mehr oder weniger auch nix mehr aus. Blödsinn? Nein,
die Kunst des relativen Denkens...
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Adel
verpflichtet (14.02.2005)
Nun werden sie also tatsächlich heiraten: Prinz Charles und
seine Dauergeliebte Camilla. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar,
fast ein Paradebeispiel lebenslanger Monogamie - wenn da nicht
1981 die Zwangsehe von Charles mit "Kerze im Wind"
Diana gewesen wäre. Immer noch, so jedenfalls vermitteln es
zahlreiche verbriefte O-Töne aus dem vereinten Königreich,
haben es die Briten ihrem offiziellen Thronfolger nicht
verziehen, dass er die junge Di offenkundig betrogen hat. Pfui!
Während hierzulande der Kanzler wegen ganz anderer Dinge mit
Eiern beschmissen wird, gießen die Briten unentwegt und immerzu
Asche auf das Haupt ihres Prinzen. Wegen eines einzigen liebeslüsternen
Fehltritts. Das muss man sich mal vorstellen...
Noch mal: der
arme Charles hat (das darf man angesichts der Dauerbeobachtung
seitens der Yellow Press mit Fug und Recht annehmen) in seinem
immerhin stolze 56 Lenzen andauernden Leben gerade mal zwei
Frauen in der Königskiste gehabt. Selbst für notorische
Turnbeutelvergesser ein echter Witzwert! Und trotzdem gilt
ausgerechnet er als Schürzenjäger und perfider Fremdgänger.
Dabei erlauben sich weltweit und seit je her Männer in aller
Öffentlichkeit z.T. die übelsten Fehltritte, von Julio bis
Blanco, von Dean bis Töpperwien, von Tiger Tom bis Kaiser Franz
- und die Menschheit applaudiert sogar noch. Nur Prinz Kalle von
der Themse verzeihen wir sein Auswärtsspiel nicht. Adel
verpflichtet nun mal. Ganz ehrlich: der Kerl tut mir richtig
leid!
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Bye, bye
SEX & THE CITY (15.12.2004)
Nun flimmerte sie also am gestrigen Abend über den Schirm:
die allerletzte Folge von SATC, und sicher war nicht nur
mir dabei ein wenig melancholisch zumute. Dass einem im hohen
Alter noch mal derlei Identifikationsfiguren vom TV geschenkt
werden, die man wie Freunde in sein Leben lässt und voller
Trauer verabschieden muss, das ist schon ungewöhnlich.
"Eine Amerikanerin in Paris" hat dann erneut bewiesen:
SATC war ohne Zweifel eine unvergleichbar intelligente Serie,
mit unaufdringlicher Philosophie und bis zur letzten Schwuchtel
hervorragend besetzt und ausdifferenziert. Ein billiges
Happy-End wie in der Screwball-Ära? Nicht bei Carrie und Co.,
und das zu sehen war einfach nur schön.
Alles andere als
schön war jedoch das peinliche Drumherum von Pro7. Eine
Talkrunde mit Nullstellen a la Birte Karalus und Verona Feldpoth,
die durch ihre bloße Anwesenheit für eine Überdosis
deutschpromidesker Gewöhnlichkeit sorgten und das Prinzip der
Serie von Einzigartigkeit und Innovation schnell ad absurdum
führten. Inhaltloses Scheißgeschwätz und mit Chris Noth und
Thomas Helmer ein Duell der Gesichtsfotzen. Das alles hätte man
sich wirklich schenken müssen.
Dennoch: es
bleibt die Erinnerung an viele amüsante Dienstage und einen
nachdenklichen Ausklang. Ich hoffe zutiefst, dass dieser
Eindruck nicht durch einen allzu leichtfertig abgedrehten
Kinofilm getrübt werden wird.
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www.glatzenrechner.de (28.11.2004)
"Wann bekommen SIE ihre Glatze?
www.glatzenrechner.de sagt ihnen wann!" Sicher kennt
auch ihr diesen überaus provokativen Kurz-Werbespot. Nicht
unklug ist er, wie ich finde, denn: der Mann ab 30 leidet fast
im Kollektiv an der sog. Glatzenparanoia. In Maßen auch ich,
obgleich mit einigermaßen vollem Haar gesegnet. Hinter diesem
Projekt verbirgt sich die Firma ALPECIN, allseits bekannt für
Haarprodukte, die wir alle natürlich unbedingt brauchen, obwohl
es sie bis vor ein paar Jahren noch gar nicht gegeben hat.
Voller Neugier klickte ich mich in die (in diesem Fall
keineswegs) unendlichen Weiten des Online-Universums dieser
Firma - doch was bietet uns jene Homepage? Lediglich ein
Frage-und-Antwort-Spiel a la Bravo-Psycho-Test von 1982. Ihr
erinnert euch? Titel: Teste dein Selbstbewusstsein! Frage 1: Du
stehst an der Bar und möchtest eine Frau ansprechen. Was machst
du? a) Ich gehe lässig auf sie zu und lade sie ein - b) Ich
trau mich vor lauter Angst nicht mal in ihre Richtung zu blicken
und mach mir tierisch in die Buchse. Na was mag da wohl am Ende
rauskommen?! Ou Mann...
Besagte
Glatzen-Homepage verfährt ähnlich, nur dass die Auflösung am
Ende (fast) in jedem Fall lautet: die Glatze kommt, fragt sich
nur wann. Bei mir stand am Schluss die Zahl 59 als Altersangabe.
Na dann hab ich ja noch ein wenig Zeit... ;-)
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Shut
up last Christmas! (15.12.2003)
Die besinnliche Weihnachtszeit 2003 wird in musikalischer Hinsicht
(so jedenfalls meine Meinung) durch zwei Lieder dominiert.
"Shut up", der neue Song der Black Eyed Peas (die
rattenscharfe Sängerin heißt übrigens "Fergie" -
rooaaaaaaaaaaarrrrrrrr!!!) und zum 100.000 Mal "Last
Christmas" von Wham. Mal ehrlich: Wie oft müssen wir jenes
Machwerk noch ertragen?!? Ich kann diesen jährlichen Schnee-Scheißdreck
mit Go-Go-George und Randy-Andy einfach nicht mehr hören!!! Am
besten, man würde besagte Titel einfach zusammenlegen. "Shut
up last Christmas". Jawoll!
Lieber George
Michael, falls du zufällig auf dieser Seite landest und
zufällig einen Übersetzer neben dir sitzen hast: Du hast
mittlerweile von der GEMA echt genug abgesahnt. Lass dieses Lied
einfach sperren, ja? Damit die Kinder wieder Hoffnung haben.
Amen!
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"Hi
Schnuckel, was machst du so?" (07.11.2003)
Genau jene Frage las ich gestern in einer E-Mail an mich in
der Betreffzeile. Absender: (Angeblich) Vera Deckers, eine
Comedy-Kollegin aus Köln, mit der ich nun wirklich überhaupt nichts
zu tun habe. Im Text hieß es dann sinngemäß "anbei
findest du einen Bildschirmschoner - mit Nacktfotos von mir.
Viel Spaß!" Natürlich freute ich mich riesig und war
drauf und dran, die beigefügte exe-Datei bereitwillig zu
öffnen, immerhin ist Frau Deckers keine schlechte. Doch dann
durchfuhr plötzlich nackte Angst meine Adern, Angst vor einer
formatierten Festplatte gepaart mit der Frage: Warum sollte mir
Vera Deckers sowas schicken? Und warum macht eine Frau, die ich
für einigermaßen intelligent halte, pro Zeile 478 Rechtschreibfehler.
Schlaues Fazit meinerseits: hier stimmt was nicht...
Schnell zum
Hörer gegriffen, Vera angerufen und knallhart mit den Fakten
konfrontiert. Die fiel natürlich aus allen Wolken, und gemeinsam
gelangten wir zu der Erkenntnis, dass irgendein besonders gewiefter
Spammer wohl in der Lage ist, seinen Datenmüll mit fremden
Absenderadressen zu versehen, die auch noch echt sind! (Der
Online-Dienst heise.de hatte bereits über diese Machenschaften
berichtet.) Kalkulierter Wahnsinn! Man stelle sich vor, welche
Missverständnisse damit möglich sind. Ich als bekennender
Paranoider könnte kotzen, beim Gedanken an die unendlichen Weiten
menschlicher Abgründe, die solche Zuschriften tragen könnten.
Also: Seid auf der Hut, wenn eine nette Frau auf ihre
beigefügten Nacktbilder hinweist. Es könnte sich in Wahrheit
auch um Roger Whittacker handeln...
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Ingo -
Oschmann - schwul (05.11.2003)
Habe
neulich die Live-Suche bei google.de aktiviert, dort kann man beobachten,
welche Suchbegriffe gerade eingegeben werden und wo das dann
hinführt. Da hat doch tatsächlich jemand eingetippt:
"Ingo Oschmann schwul". Und jetzt ratet mal, auf welcher
Seite der gelandet ist?! Richtig: hier! Das Leben ist
skurril, oder? ;-)
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Karamba, Karacho, ein Whiskey,
hey, hey... (30.09.2003)
Irgendwie beschäftigt mich immer noch mein Auftritt bei Nigthwash
live letzte Woche. Aber nicht wegen des Waschsalons, sondern
wegen der Geschehnisse danach. Nach der Show nämlich ging's in eine Kaschemme nebenan. 1 Kölsch, 2
Kölsch, 13 Kölsch... Gib ihm! Ist doch fast wie Wasser, oder?
Am nächsten Morgen war ich so platt, dass ich mir Spalt und Aspirin
aufs Butterbrot schmieren musste, um wieder einigermaßen klar
denken zu können. "Mensch, ihr müsst ja gefeiert
haben", hieß es zu Hause und stolz erzählte ich davon,
dass wir so richtig gesoffen hätten - Karamba, Karacho, ein
Whiskey, hey, hey... Ja von wegen!
Komisch, komisch.
Dass man ab 30 irgendwie abbaut, kannte ich bislang nur aus
Wissenschaftssendungen im ZDF. (Diese Lückenfüller, wenn im
DSF gerade Werbung läuft.) Jetzt ist es mir auch praktisch klar
geworden. Doch damit bin ich zum Glück nicht allein. Wenn ich
daran denke, dass Bigo, Kostja und ich bereits bei Lulus
Junggesellenabschied im letzten Jahr irgendwann drauf und dran
waren, unsere Becks-Pullen heimlich in die Blumenpötte zu
kippen... Oder haben wir das tatsächlich gemacht?!? Egal, lasst
uns trotzig sein, denn wie heißt es so schön in Düsseldorf: Kein
Alkohol ist auch keine Lösung! ;-)
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Schimanski-Double (12.08.2003)
"Guten Tag, mein Name ist piep von der piep-GmbH
aus piep. Wir suchen ein Double für den neuen
Schimanski." Hä? Natürlich dachte ich erst, der gute Ingo
Oschmann will mich mal wieder am Telefon verarschen, aber weit
gefehlt. An der Strippe war eine Agentur aus Köln, der ich vor Jahren
Fotos geschickt hatte, um vielleicht mal als Komparse beim Film eingesetzt
zu werden. Nun meldeten sie sich - aus einer Notsituation heraus
suchten sie jemanden, der als Horst Schimanski für den
diesjährigen Teil der Serie (Ausstrahlung: sicher wieder im
Dezember) mit der unvermeidlichen Jacke in einem alten Citroen
durch Duisburg fährt. Natürlich begleitet von chicen Kameras.
Offenbar hat Götz George keine Zeit mehr, persönlich nach
Duisburg zu kommen. Ihre Kartei führte diese Menschen zu mir -
echt abgefahren, oder?
Also: gedreht
werden soll nächste Woche. Ja, ich bekomme einen Schnäuzer
angeklebt - Nein, mein Name erscheint nicht im Abspann. Obwohl:
"Als Horst Schimanski sahen Sie Ludger K./Götz
George", das täte mir schon gefallen... :-))
Fazit: Das Leben
hält immer wieder Überraschungen parat. Manchmal böse,
manchmal aber auch erfüllte Kindheitsträume. Auch wenn das
ganze natürlich nur eine Riesengaudi werden wird, nicht mehr.
Achtet im Dezember einfach mal ganz genau auf das Innenleben der
Schimmi-Kutsche. Vielleicht winke ich euch ja kurz zu. Man muss
nur daran glauben... ;-)
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Abi
2003 - Erlebnisse auf einem Bottroper Abiball... (01.07.2003)
"Wir hatten
uns eigentlich etwas ganz, ganz anderes vorgestellt!"
Diesen Satz durfte ich mir von einer entrüsteten 19-jährigen
anhören, nachdem sich am Sonntag bei der von mir moderierten
Abifeier eines Bottroper Gymnasiums zahlreiche Lehrer über
meine (Zitat) "frauenfeindliche, selbstverliebte und
autoritätsferne Art" beschwert hatten. Wie bitte?!? Ich gebe
zwar zu: Brav
waren meine Moderationen z.T. nicht, aber dass die Lehrer noch
genauso spießig und jovial drauf sind wie früher, hat mich
dann doch überrascht. Mein Satz "...die meisten
Mathelehrer verstehen Algebra selber nicht, und der
Religionslehrer ist immer ein bisschen schwul..." brachte
zwei Kollegiumsmitglieder dazu, beleidigt den Saal zu verlassen.
Ganz ehrlich: Ist das wirklich angemessen?!?
However: Jetzt bin
ich seit 10 Jahren aus der Schule raus - und immer noch hassen
mich die Lehrer. Das färbte an jenem Abend natürlich auch auf
die Schülerinnen ab, von denen ich engagiert worden war. Als
brave Vertreter der neuen Hotel-Mama-Generation nickten sie voller Demut die Klagen
ab und nutzten dann die Gelegenheit, mir für ALLES Schief-Gelaufene die Schuld in die
Schuhe zu schieben. Denn (wie es bei solchen Abenden leider oft
ist): Niemand interessierte sich so recht für die allesamt eingekauften
Darbietungen (122 Abiturienten hatten selber einfach nichts
drauf gehabt) und nicht nur ich, sondern auch Kollege Otto Normal
alias Christian Hirdes kackte voll ab. Sogar die Tombola
(u.a. gab es eine Digitalkamera zu gewinnen) ging im Stimmengewirr
der 600 Gäste beinahe vollständig unter. Tenor der Mädchen:
Du bist alles Schuld! Na ja, Undank ist eben der Welten Lohn...
Insgesamt war der Abend also ein ziemlicher Flop.
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Ist
AC/DC eine Schwulenband? (18.06.2003)
Die Rolling
Stones waren in Oberhausen! Unglaublich, wen und was die Welt
heutzutage so alles zusammenbringt. Ob Mick Jagger und der total
kaputte Keith Richards wirklich wussten, wo sie waren? Egal, wir
wussten es: Im beschissensten Konzert-Acker der Weltgeschichte,
dem sog. O.Vision-Zukunftspark nahe dem Centro. Hört sich gut
an, aber: das Düsseldorfer Rheinstadion im jetzigen Zustand
wäre besser gewesen. (Anmerkung: Das Stadion wurde vor Monaten
abgerissen!)
Besonders
nachdenklich machte Heisti und mich die "Vorband"
AC/DC. Der geisteskranke Gitarrist Angus Young legt auf der
Bühne einen Strip hin, zigtausend Besoffene schreien seinen
Namen, und dann gehen auch noch zwei Typen in Lederklamotten
Hand in Hand an uns vorbei. Das veranlasste Heisti zu einer
kühnen Frage: Ist AC/DC eine Schwulenband? Interessant, aber vielleicht
hätte er diesen Gedanken besser nicht laut und vor Ort äußern
sollen. Au backe... (If you want blood, you got it!)
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Eisen
Nerforth ist tot! (03.05.2003)
Mit der Stadt
Moers habe ich eigentlich nichts mehr zu tun. Aber: ich bin hier
aufgewachsen, und das verbindet eben - für immer. Neulich schlenderte
ich nach langer Pause mal wieder durch die Altstadt
und stellte erschreckt fest: Moers scheint zu sterben! Aus
Horten wurde ein Billig-Paradies, und Gert Lang schließt ebenso seine
Pforten wie Leder Theinhardt oder der Jeans Point. Doch am
allerschlimmsten: Eisen Nerforth hat dicht gemacht. Wie in
Zeitlupe ging ich auf einen der bedeutendsten Läden meiner
Kindheit zu und fühlte mich für einen kurzen Moment ebenso
leer wie die Schaufenster, in die ich blickte. Keine
Modelleisenbahn, die mich anlachte, kein Cowboyhut, keine Star-Wars-Figuren mehr. Ich sah nur noch mich
selbst im Fenster und all meine verblassten Erinnerungen. Sonst war nichts
geblieben.
Nerforth war
mehr, als nur ein Geschäft.
Erst
suchten wir als Kinder genau hier unsere Weihnachtswünsche aus.
Später, als wir dann langsam selber etwas schenken mussten,
gingen wir einfach ein Stockwerk höher und wurden da fündig.
Selbst wenn man Samstags Mittags 5 Minuten vor Ladenschluss
immer noch kein Geschenk für Dianes Geburtstagsfeier besorgt
hatte, Eisen Nerfoth hielt stets ein rettendes Leonardo-Glas
für uns bereit. Und nun?
Es scheint der
Centro-Effekt zu sein, der so manche Altstadt in Schwierigkeiten
stürzt. Wer ist wohl als nächstes in Moers dran? Doch nicht
etwa das Modehaus Braun? Das wäre für die Stadt wirklich der
Gnadenstoß. Wie auch immer: Erst wenn der letzte Laden
geschlossen, die letzte Kneipe dicht gemacht und das letzte Eis
bei Adria am Kö verkauft ist, werdet ihr merken, dass man im
Centro fast nie spontan seine Freunde trifft. Das ging eben nur
in Moers, u.a. auf dem Weg zu Nerforth.
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Der gläserne Mensch
(14.04.2003)
An diesem Tag gab
es was zu feiern. Ich war ein Jahr älter geworden. Na super!
Wir (d.h. meine engsten Freunde und ich) verbrachten einen
netten Abend im OSTENDE in Duisburg. Irgendwann legte mein
Kumpel Heisti dann so richtig los. "Ich hab keinen Bock
mehr auf die Scheiß-Formulare!" Hä?!? Er beklagte sich
über das ständige Ausfüllen-Müssen irgendwelcher Fragebögen
für Zeitungsabos, Fitnessclubs etc. Aber das muss doch so sein, schließlich
gibt es so was wie Datenschutz, und man kann doch keine
Zentralstelle für Informationen einführen, auf die dann jeder
Zugriff hat. Oder? "Doch, genau das kann man!" Hat er damit
Recht?
Mal ehrlich: Im Grunde verlangt heute jeder Newsletter mehr, als die
Volkszählung Mitte der 80er. Warum also nicht jedem eine ID-Nummer
verpassen, und schon ist die
Sache klar. Auch im Privatleben, zum Beispiel auf Singleparties.
LK34i347845%78476 ins Handy tippen und dann nur noch lesen:
Rita, 29, uneheliches Kind in Bottrop, Sekretärin, leichter
Skiunfall im Jahre 1988. Da wird das Baggern endlich einfach.
"Du fährst Ski? Toll, ich auch!" Und ab in die
Kiste!
Leider wird es
dazu niemals kommen, denn: Wir Menschen machen einfach viel zu gerne
Geheimnisse aus Dingen, die wir dann im nächsten Lotto-Büro oder
für die P&C-Kundenkarte ohne Bedenken preisgeben. Weil wir
alle das Gefühl lieben, irgendwie wichtig zu sein. Und genau dafür gibt es den
Datenschutz. Er macht uns Glauben, dass eine Vielzahl
internationaler Geheimagenten hinter uns her ist, nur um zu
erfahren, wo wir wohnen, ob wir rauchen, wie viel wir verdienen.
"Hilfe, die wollen meine Daten. Was machen die bloß damit?
Huuuuuhh..." Ich kann euch
sagen, was DIE mit euren Daten machen. Nix!
Fazit:
Mit dem Datenschutz verhält es sich so, wie mit vielen
anderen Dingen im Leben auch. Es ist eindeutig eine Sache mit
Sinn. Aber nicht mit dem Sinn, den man auf den ersten Blick
dahinter vermutet.
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Liv
Tyler (02.2003)
Irgendwann (egal
wann), irgendwo (egal wo) irgendwie (ja, ja, ja) hatte ich mal ein Mädchen kennen gelernt. (Soll
vorkommen.) Von ihrer Art her wirkte es (also das Mädchen)
ungefähr so warmherzig, wie ein Cornetto-Nuss in einem Eisschrank
auf der Antarktis. (Gibt es da überhaupt Eisschränke?!?) Ich hatte
damals die "Ehre", ein paar
Worte mit ihr zu wechseln. 'Hallo', war eines davon, und die anderen beiden waren auch nicht länger. Kurzum: Ich hatte zuvor
schon einige Erfurt-Raufaser-Tapeten erlebt, die unterhaltsamer
waren, als diese Frau. Das Problem an der Sache: Sie sieht
haargenau aus wie Liv Tyler. Also nicht wie Steven Tyler,
sondern wie Liv Tyler. Nun mag man sich fragen: Genügt das
Aussehen einer Liv Tyler, um über all das Geschilderte hinwegzusehen?
Unter uns: Muss ich diese Frage wirklich beantworten?;-) Siehe nach unter www.livtyler.de
Aus einem
erstaunlichen Zufall heraus ergab es sich, dass
sich ihr und mein Leben mal wieder kreuzten. Ich hatte sie
auf Anfang 20 geschätzt, war sie aber nicht. Sie war... na ja,
ABI 2003 eben. Und schon schlidderte ich unversehens in eine
Situation, die mich zum ersten mal einen Generationenkonflikt aus
der anderen Richtung erleben ließ. Denn: Sie gab mir während
unserer kleinen Konversation zu verstehen, dass ich in ihrem
Leben ungefähr so willkommen war, wie ein Laminatverkäufer bei Teppichboden
Knott. Man kann seine Abneigung gegen
Menschen ja hübsch verpacken - sie konnte es aber nicht. Ist das nun ein Grund, solche
Gespräche in Zukunft zu lassen? Muss ich jetzt, wo ich 30 bin,
mehr über alles, was ich tue nachdenken? Muss ich jetzt etwa
ZDF gucken?!? Antwort: NEIN! Aber vielleicht kommt im Leben irgendwann einfach der Punkt, an dem
man(n) seine
weibliche Zielgruppe neu bestimmen muss. Es sein denn natürlich,
man heißt George Clooney...
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